Aufstocken statt abziehen: NATO verstärkt Afghanistan-Truppe

Brüssel/Kabul (APA/dpa) - Den Kampfeinsatz beenden, noch eine Weile afghanische Sicherheitskräfte ausbilden und dann ganz abziehen: Das ware...

Brüssel/Kabul (APA/dpa) - Den Kampfeinsatz beenden, noch eine Weile afghanische Sicherheitskräfte ausbilden und dann ganz abziehen: Das waren Ende 2014 die Pläne der NATO für Afghanistan. Nun kommt es ganz anders: Bei einem Treffen der NATO-Verteidigungsminister am Donnerstag in Brüssel sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg: „Ich kann heute bestätigen, dass wir unsere Präsenz in Afghanistan erhöhen werden.“

Wieso? Was können mehr Soldaten dort erreichen? Fragen und Antworten im Überblick:

Nun doch wieder mehr Truppen - was steckt hinter der Entscheidung?

Die NATO befürchtet, dass Afghanistan wieder zu einem sicheren Rückzugsort für islamistische Terroristen werden könnte. Die Sicherheitslage in dem Land hat sich seit Ende des internationalen Kampfeinsatzes im Dezember 2014 drastisch verschlechtert. Der war gestartet worden, nachdem am 11. September 2001 Al-Kaida-Terroristen die USA angegriffen hatten - unter anderem, indem sie zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers gesteuert hatten. Al-Kaida-Chef Osama bin Laden lebte damals in Afghanistan.

Wie sieht die Sicherheitslage denn genau aus?

Die radikalislamischen Taliban, die Al-Kaida-Terroristen in den 90er-Jahren Unterschlupf gewährt hatten, breiten sich wieder aus. Laut US-Militärangaben „kontrollieren oder beeinflussen“ sie heute rund elf Prozent des Landes. Weitere knapp 30 Prozent gelten als umkämpft. Gleichzeitig hat sich ein Ableger der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) etabliert. Auch in der Hauptstadt Kabul gibt es schwere Anschläge. Die nationalen Streitkräfte sind überfordert, Tausende sterben jedes Jahr, Zehntausende desertieren. Die nach dem Ende des internationalen Kampfeinsatzes gestartete Ausbildungs- und Beratungsmission „Resolute Support“ gilt als zu klein.

Was soll die Truppenaufstockung bringen?

NATO-Generalsekretär Stoltenberg betonte am Donnerstag, es gehe nicht darum, den Kampfeinsatz wiederaufleben zu lassen, sondern darum, die Ausbildung der afghanischen Streitkräfte auszubauen. Derzeitig kann die Trainingsmission „Resolute Support“ mangels Personals fast nur auf hoher Offiziersebene beraten. Der US-Militär- und NATO-Sprecher Bill Salvin in Kabul sagt, die zusätzlichen Soldaten sollten nun auch unterhalb der Offiziersebene besonders wichtige Angriffsfähigkeiten der afghanischen Streitkräfte trainieren. Es geht um Fähigkeiten der Spezialkräfte und der Luftwaffe, aber auch um die Bereiche Artillerie und Logistik sowie Führungsqualitäten.

Wie viele zusätzliche Soldaten wird es geben und von welchen Ländern werden sie gestellt?

Das ist noch nicht ganz klar. Angaben aus Bündniskreisen zufolge sollen sich künftig rund 15.800 Soldaten an dem Einsatz zur Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte beteiligen. Zuletzt standen dafür etwas mehr als 12.000 Soldaten zur Verfügung. Bisher hätten 15 Staaten ein zusätzliches Engagement in Aussicht gestellt, sagte Stoltenberg. Er erwarte weitere Zusagen. Der britische Verteidigungsminister Michael Fallon kündigte am Donnerstag schon eine Erhöhung des Kontingents seines Landes von derzeit etwa 500 Mann um weitere rund 100 an.

Die USA, die zuletzt mit knapp 7.000 Soldaten das größte Kontingent für den NATO-Ausbildungseinsatz stellten, haben ihre Planungen noch nicht abgeschlossen. Es wird damit gerechnet, dass sie 2.000 bis 2.500 zusätzliche Soldaten zur Verfügung stellen und möglicherweise auch ihr direktes Engagement außerhalb des Bündniseinsatzes verstärken. Im Gegensatz zur NATO beteiligen sich die US-Streitkräfte nämlich weiter mit Spezialkräften an Kampfeinsätzen.

Wird die Strategie aufgehen?

Die Erwartungen sind gemischt. Kritiker verweisen darauf, dass die USA schon 2009 einmal zusätzliche 33.000 Soldaten nach Afghanistan geschickt hätten, um die damals bereits wieder erstarkenden Taliban zu schlagen - ohne Erfolg. Der Einsatz-Sprecher Salvin in Kabul ist optimistischer. Er sagt, mit mehr Ausbildnern werde die NATO die Afghanen so ausbilden können, dass sie 2019 „große Offensiven“ starten und 80 Prozent der von den Taliban eroberten Gebiete zurückholen könnten.