Berger: „Ich kann Vettels Emotionen verstehen“
Gerhard Berger (57) hat als DTM-Chef viel zu tun. Trotzdem fand Tirols Formel-1-Legende Zeit, um mit der TT über Vettels Rammbock-Aktion, seinen Neffen Lucas Auer und den möglichen Mercedes-Ausstieg zu sprechen.
Im Moment spricht jeder von der Rammbock-Attacke Sebastian Vettels (GER/Ferrari) gegen WM-Kontrahent Lewis Hamilton (GBR/Mercedes) in Baku (AZE). Wie sehen Sie die Sachlage?
Gerhard Berger: Rein mit der Brille des Rennfahrers betrachtet kann ich die Emotionen verstehen. Zu unserer Zeit war so eine Aktion durchaus üblich, da hat sich aber niemand groß aufgeregt. In der heutigen Zeit sind die Kameras von überall auf das Geschehen gerichtet und dadurch ist das natürlich problematisch. Dementsprechend wird alles kommentiert – der eine sieht es so, der andere so. Ich würde Vettels Ausraster als übertriebene Emotion einstufen, er hat seine Strafe bekommen und fertig.
Trotzdem sieht sich der Weltverband FIA den Zusammenstoß am Montag noch einmal an.
Berger: Ich finde das nicht gut. Vettel hat seine Strafe bekommen und darum muss das Thema erledigt sein. Es hat in der Öffentlichkeit zu kontroversen Diskussionen geführt, was ja für den Sport nicht schlecht ist. Ich will auch gar nicht die schützende Hand über Vettel ausbreiten. Natürlich war die Aktion zu bestrafen, sie war nicht in Ordnung, aber damit sollte es gut sein.
Dass der vierfache Formel-1-Weltmeister sich im Anschluss so uneinsichtig zeigte, erinnerte ein wenig an Rekordweltmeister Michael Schumacher (GER).
Berger: Ja, absolut. Aber man darf eines nicht vergessen: Bei den Safety-Car-Phasen geht es immer heiß her, da sind andere Piloten schon einmal solche Auffahrunfälle passiert. Jeder wärmt seine Reifen auf, jeder beschleunigt, um Temperatur zu erzeugen – da hat jeder seinen Intervall. Und die Nummer zwei dahinter hat nun mal ein anderes Intervall und darum besteht die große Berührungsgefahr.
Die neue Formel 1 scheint zu funktionieren. Das kann in so kurzer Zeit aber noch nicht an den neuen Eigentümern Liberty Media liegen. Was ist für Sie ausschlaggebend?
Berger: Der wesentlichste Grund ist, dass der Ferrari um die Weltmeisterschaft mitfährt, ganz einfach. Natürlich ist die neue Formel 1 an dem einen oder anderen Punkt frischer, aber das Kernthema ist der enge WM-Kampf zwischen Ferrari und Mercedes.
Dass Red Bull nicht mitmischen kann, könnte man aus rotweißroter Sicht als Wermutstropfen bezeichnen.
Berger: Das war auch für mich überraschend. In Baku (AZE) haben sie zumindest etwas aufgezeigt. Trotzdem reden wir jedes Jahr über dieselbe Problematik: Red Bull hat einfach nicht die Motorenleistung, um ganz vorne mitzufahren.
Neben Red Bull gibt aber McLaren noch mehr Rätsel auf. Bleibt für das britische Team nur noch die Trennung von Motoren-Partner Honda?
Berger: Ich sehe diese Lösung nicht so klar vor Augen. Natürlich erscheint das im Moment naheliegend, aber auf lange Sicht gesehen würde ich eher auf Geduld setzen. Und die gesamte Energie ins Lösen der aktuellen Probleme stecken.
Der Österreich-Grand-Prix steht vor der Türe. Vor einem Jahr war zu dem Zeitpunkt noch alles schlecht in der elitären PS-Serie – jetzt soll alles super sein. Gibt es in der Beurteilung kein Mittelmaß mehr?
Berger: Vor allem die Langfristigkeit steht zu wenig im Vordergrund. Man muss natürlich dazusagen, dass die Königsklasse im Vorjahr Probleme mit sich selbst hatte. Da waren die Amerikaner gegen Bernie Ecclestone (Ex-Geschäftsführer, Anm.) usw. Das hat sich glücklicherweise beruhigt und so steht der Sport wieder im Vordergrund.
Ex-Teambesitzer Eddie Jordan hat beim Baku-Gastspiel felsenfest behauptet, dass sich Mercedes nach dem Jahr 2018 aus der Formel 1 zurückziehen und an die Chinesen verkaufen würde.
Berger (lacht): Ich habe Gleiches gehört und zusätzlich noch, dass er nach Peking zieht. Der Eddie Jordan wird Chinese mit einem Pass und leitet dann das Team von dort aus.
Lance Stroll (18), Esteban Ocon (20), Pascal Wehrlein (22) – die Königsklasse verfügt über sehr gute junge Piloten. Ist es trotzdem realistisch, dass es für die Tiroler PS-Hoffnung Lucas Auer noch ein Cockpit geben könnte?
Berger: Lucas hat heuer bewiesen, dass er richtig Speed hat. Er hat sich sehr stark entwickelt in der Art, wie er die Rennen fährt, in seiner Konstanz oder wie er sich als Persönlichkeit entwickelt hat. In Ungarn mag es zwar keine Punkte gegeben haben, aber er war weitaus der schnellste Mercedes-Pilot. Ich glaube, Lucas hat sich diesen nächsten Schritt verdient. Wie ich gehört habe, sieht es mit einem Formel-1-Test gut aus. Da kann er sich wieder beweisen.
Wo könnte Ihr Neffe realistischerweise landen? Force India, Toro Rosso oder Sauber?
Berger: Diese Diskussion ist noch zu früh und sicherlich falsch. Jetzt muss der Lucas erst einmal einen Test bekommen, danach aufzeigen und im Anschluss kommt alles Weitere.
Themenwechsel: Wie viel Spaß macht es Ihnen als DTM-Chef?
Berger: Es ist kein Selbstläufer. Man muss viel Aufbauarbeit leisten. Es gibt keine schnellen Erfolge. Wir schauen jetzt schon auf das Jahr 2019. Und da ist es manches Mal etwas schwieriger, weil man noch nicht sieht, ob die Nachhaltigkeit überhaupt gegeben ist. Die kurzfristigen Änderungen haben schon einmal gegriffen: Spannung an der Spitze ist gegeben, alle drei Teams (Audi, BMW, Mercedes, Anm.) waren schon am Podest und es gibt junge Siegergesichter.
Das Gespräch führte Daniel Suckert