150 Jahre Kanada

Warum Kanada „besser“ ist als die USA – und warum nicht

Die kanadische und die amerikanische Flagge: Lange galten die USA als das Land der unbegrenzten Möglichkeite. Mittlerweile erscheint das kleinere Nachbarland die "bessere Version" der Vereinigten Staaten zu sein.
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Ahornblatt oder Sternenbanner? Wer Nordamerika als Tourist besucht oder dort lebt, dürfte schon so manchen Vergleich zwischen Kanada und den USA gezogen haben. Daten zu Bildung, Gesundheit und Kriminalität zeigen: Die Kanadier können den „Amis“ durchaus das Wasser reichen.

Von Johannes Schmitt-Tegge, dpa

Ottawa – Weniger Waffen. Weniger Morde. Eine viel breitere Gesundheitsversorgung. Die unfassbare Natur – es fällt leicht, Kanada als irgendwie „bessere“ Version der Vereinigten Staaten zu sehen, als heilere, friedlichere und gelassenere Kopie der oft so verworrenen und widersprüchlichen Weltmacht USA.

150 Jahre nach der Gründung Kanadas am 1. Juli 1867 lohnt ein Blick auf beide Seiten der Grenze, die sich von Maine bis Vancouver und hinauf nach Alaska durch Nordamerika zieht.

Volksnah und beliebt: Premierminister Justin Trudeau lief mit Sohn Xavier, Tochter Ella-Grace und Ehefrau Sophie bei der Pride Parade in Toronto mit.
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Seit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten dürfte so mancher US-Amerikaner den Gedanken, ein neues Leben im nördlichen Nachbarland zu beginnen, wieder aufgegriffen haben. Als Trump bei der Wahl im November überraschend siegte, nahm die Zahl der Google-Suchanfragen für die Begriffe „Kanada Einwanderung“, „Kanada“ und „nach Kanada ziehen“ stark zu. Die Internetseite der kanadischen Regierung zu Einwanderungsfragen stürzte ab. Und tatsächlich sprechen für die Behauptung, ein Leben in Kanada sei besser, einige Gründe:

Die Lebenserwartung in Kanada ist höher. Die Menschen dort werden der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge im Schnitt 82 Jahre alt, in den USA dagegen nur etwa 79 Jahre.

Die Gesundheitsversorgung ist in Kanada billiger, dort betrugen die Gesundheitskosten pro Kopf im Jahr 2016 umgerechnet etwa 4.270 Euro, wie das unabhängige Canadian Institute for Health Information (CIHI) berechnete. In den USA überschritten die Kosten pro Person vergangenes Jahr erstmals 10.000 Dollar (8.761,94 Euro) und betrugen damit mehr als das Doppelte der Kosten in Kanada.

Die Hauptstadt: In Kanadas Parlament in Ottawa werden die Entscheidungen getroffen.
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In Sachen Schulbildung schneidet Kanada im Vergleich mit seinem Nachbarn sowie international ebenfalls gut ab. Mit einem durchschnittlichen Testergebnis von 522 Punkten in Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften lagen kanadische Schüler in der jüngsten Pisa-Studie deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 497. Die Schüler in den USA brachten es auf 492 Punkte.

Kanadische Hochschulen sind in der Regel auch günstiger als Hochschulen in den USA: Daten der OECD zufolge kostete das Studium in Kanada im Jahr 2012 pro Jahr umgerechnet etwa 19.700 Euro, in den USA dagegen 23.800 Euro.

Glück lässt sich schwer messen, und nackte Zahlen rund um Gesundheit und Bildung sagen längst nicht alles darüber, wie zufrieden Menschen leben. Wer etwa die unvergleichliche Masse an Kultur aus den USA zugrunde legt – in Film, Musik, Kunst, Literatur, Mode oder auch im Sport –, könnte in Kanada viel vermissen. Dennoch: Einige Spitzen-Schauspieler wie Michael J. Fox, Ryan Gosling und Keanu Reeves und Musiker wie Justin Bieber, Celine Dion, Leonard Cohen und Bryan Adams stamm(t)en aus Kanada. In Wintersportarten wie Eishockey, Eisschnelllauf und Curling feiern Kanadier regelmäßig Erfolge. Kulturell sind die beiden Länder eng miteinander verflochten.

Vorne USA, hinten Kanada: Die weltberühmten Niagarafälle liegen genau an der Grenze.
© AFP/Karen Bleier

Dass Kanada für gewöhnlich als friedlicher empfunden wird, mag mit der Waffenkultur zusammenhängen. Pistolen, Revolver, Gewehre und Flinten gehören zum Selbstverständnis vieler US-Amerikaner – mit 89 Waffen pro 100 Einwohner führen sie auch die globale Pro-Kopf-Statistik an.

In Kanada zählt der „Small Arms Survey“ dagegen nur 31 Waffen pro 100 Einwohner. Und während die Mordquote in den USA bei 5,2 pro 100.000 Einwohner im Jahr liegt, sind es in Kanada der OECD zufolge gerade einmal 1,5 Morde. 82 Prozent der Kanadier fühlen sich nachts auf der Straße sicher, in den USA sind es nur 74 Prozent.

Es mag reichlich Gründe geben, ein Leben in den USA dem in Kanada vorzuziehen, sei es das höhere Pro-Kopf-Einkommen oder die geringere Arbeitslosigkeit (4,4 Prozent in den USA versus 6,5 Prozent in Kanada). Und nicht jede Statistik lässt sich eindeutig lesen: So könnte die höhere Scheidungsquote in den USA beispielsweise ein Zeichen für größeres Leid in Beziehungen und mehr gescheiterte Ehen sein – oder auch ein Indiz dafür, dass Menschen es in den USA häufiger wagen, sich aus solch unglücklichen Lagen zu befreien und einen Neuanfang zu machen.

In anderen Ländern der Welt scheint sich der teilweise Vorsprung der Kanadier jedenfalls herumgesprochen zu haben: Den Marktforschern des „Reputation Institute“ zufolge landete Kanada in einem Ranking aus 70 Staaten mit dem besten Ruf auf dem zweiten Platz hinter Schweden. Die USA schafften lediglich Platz 28. Zumindest in dieser Umfrage schien das rote Ahornblatt dem Sternenbanner ein paar Dinge voraus zu haben.

Wie Kanada vor 150 Jahren gegründet wurde

Als europäische Forschungsreisende vor rund 500 Jahren in den hohen Norden des amerikanischen Kontinents kamen, trafen sie auf Ureinwohner, die dort bereits seit Tausenden von Jahren lebten. Von ihnen stammt auch der Name des heute zweitgrößten Lands der Erde: «Kanata»bedeutete wohl Dorf oder Siedlung. Frankreich und später vor allem Großbritannien kolonisierten die neu entdeckten Landmassen.

Am 1. Juli 1867 - vor 150 Jahren - schlossen sich die Provinzen Ontario, Québec, New Brunswick und Nova Scoatia zu einem sich selbst verwaltenden Herrschaftsgebiet zusammen. Der Schritt wird heute als offizielle Gründung Kanadas angesehen. Später kamen noch die Provinzen Alberta, British Columbia, Manitoba, Neufundland und Labrador, Saskatchewan und Prince Edward Island hinzu, außerdem die Gebiete Nunavut, Yukon und das Nordwest-Territorium. Offizielles Staatsoberhaupt ist nach wie vor Queen Elizabeth II. von Großbritannien.