ÖVP-Parteitag

Ein Hochamt in Türkis für die Kanzlerhoffnung Kurz

ÖVP-Parteichef Sebastian Kurz gestern im Linzer Designcenter. Rund tausend Delegierte waren zum Parteitag gekommen.
© APA/Hans Punz

Mit den Themen Sozialsystem, Wirtschaftsleistung und Flüchtlingen schwor Sebastian Kurz seine Partei auf den Wahlkampf und die Zukunft ein.

Von Carmen Baumgartner-Pötz

Linz –Irgendetwas dem Zufall überlassen? Sicher nicht. Sogar das WLAN-Passwort für die Medienvertreter im Linzer Designcenter lautet „zeitfuerneues“. Wer das Wort ÖVP erwähnt, wird von Parteimitgliedern streng-lächelnd darauf hingewiesen, dass es jetzt Neue Volkspartei heißt, bitteschön.

Neu ist vor allem das Design: türkise und hellgraue Container, die laut Generalsekretärin Elisabeth Köstinger dafür stehen, dass „wegen Umbaus geöffnet ist“, kühles Licht, Techno-Stakkato als Untermalung. Sebastian Kurz nimmt zu Beginn nicht in der ersten Reihe Platz, sondern sitzt mit Freundin Susanne Thier und seinen Eltern in der Mitte des Saales, von wo aus er die Gäste des Parteitags begrüßt. Einen ersten Rummel gibt es aber nicht um ihn, sondern um Zaungast Vitali Klitschko, Bürgermeister von Kiew und Ex-Boxweltmeister.

Auch Altbewährtes hat nach wie vor Platz bei diesem Parteitag: die Bundeshymne am Beginn (von den Töchtern in der ersten Strophe hört man herzlich wenig), die Gedenkminute für die Verstorbenen, ein besonderes Gedenken an Alois Mock.

Einen letzten Applaus gibt es für den scheidenden Parteiobmann, der der ÖVP noch einmal die Leviten liest. Reinhold Mitterlehner nimmt seinen Abgang mit leicht bitterem Humor, und so manch einer glaubt, ihn in Linz mit glasigen Augen zu sehen. Er sei gerade dabei, sich zu resozialisieren, komme jetzt auch einmal unter der Woche in einen Supermarkt, sorgt er für Gelächter. Wie vergänglich der politische Ruhm ist, weiß er genau: „Ich sehe viele vertraute Gesichter. Vor zweieinhalb Jahren haben sie mir mit 99,1 Prozent das Vertrauen geschenkt.“ Seiner Partei wünscht er mehr Gelassenheit. „Wahlen sind etwas anderes als Regierungsarbeit“, sagt er in Richtung Sebastian Kurz. Und er kritisiert, dass zu seiner Zeit die Partei bei jeder schlechten Umfrage zu Tode betrübt war, „obwohl wir keine Wahl verloren haben. Jetzt sehe ich Euphorie, obwohl noch nichts gewonnen ist.“ Sein Abschiedsgeschenk – Wanderschuhe, eine Saisonkarte für die Pyhrn-Priel-Region und Studentenfutter, in Zellophan gehüllt, nimmt er mit Würde entgegen.

Nachdem die Statutenreform einstimmig abgesegnet ist – Sebastian Kurz erhält freie Hand bei Personal- und Strategieentscheidungen –, ist die Zukunftshoffnung der Partei endlich am Wort.

Kurz erzählt von seinem schwierigen Start als Staatssekretär für Integration mit nur 24 Jahren. Eigentlich habe er das Amt nicht annehmen wollen, „die Medien werden mich hinrichten“, sei seine Befürchtung gewesen, auf der Straße habe man ihn ignoriert: „Und das war noch das Freundlichste.“ Doch schon damals seien viele in der ÖVP zu ihm gestanden: „Danke, das vergesse ich euch niemals!“ Aus dieser prägenden Zeit stamme seine Entscheidung, „einfach das zu machen, was ich für richtig halte“. Dann holt Kurz aus zu einer Rundum-Kritik an der Mentalität in Österreich: „Man redet sich bei uns gern alles schön. Ich liebe dieses Land, aber wir sollten nicht zufrieden damit sein, wie wir heute dastehen.“ Das betreffe etwa das Sozialsystem, in das jährlich mehr Geld fließe, aber auch die Integration: „Sagen wir bitte, was Sache ist in unserem Land. Es reicht nicht, die Willkommenskultur zu beschwören.“ Auch in Sachen Wirtschaftsleistung gehe es darum, wieder zu einer echten Lokomotive innerhalb Europas zu werden: „Wer einmal ins Mittelmaß zurückfällt, ist bald weg vom Fenster“, erinnert sich Kurz an Zeiten, in denen in deutschen Medien Österreich als das bessere Deutschland gepriesen wurde.

Wie er Österreich auf Kurs bringen will, lässt Kurz nur in Grundzügen anklingen: Mit einer Steuer- und Abgabenquote von maximal 40 Prozent und einem schlanken Staat, der mit weniger Bürokratie dem Einzelnen mehr Entscheidungsfreiheit lasse und Unternehmen nicht mit zig Vorschriften das Leben schwer macht.

Mit 98,7 Prozent Zustimmung kann Kurz das Mitterlehner-Votum nicht überbieten, der Stimmung im Saal tut das keinen Abbruch. Denn nun geht es nach draußen, zum großen, öffentlichen Sommerfest mit rund 5000 Gästen. Peter L. Eppinger, seit Kurzem Sprecher der „Bewegung Kurz“ versichert in typischem Ö3-Humor, dass das Buffet der einzige Ort sei, wo Vitali Klitschko heute zuschlagen wird. Dabei hat der prominente Gast das Designcenter längst verlassen. Freibier, Würsteln und die Gelegenheit für Selfies mit dem neuen Parteichef bekommen andere.

Begleitete ihren Lebensgefährten zum Parteitag und ins Scheinwerferlicht: Kurz-Freundin Susanne Thier.
© APA/Hans Punz

Detailergebnisse

Sebastian Kurz erhielt bei seiner Wahl zum Parteiobmann 98,7 Prozent Zustimmung.

Zu seinen Stellvertreterinnen und Stellvertretern wurden Casinos-Vorständin Bettina Glatz-Kremsner (98,1), die Bregenzer Stadträtin Veronika Marte (98,3), die steirische Landesrätin Barbara Eiblinger-Miedl (99,2) sowie der oberösterreichische Landeshauptmann Thomas Stelzer (98,9) gewählt.

Edith Mock, Witwe des vor Kurzem verstorbenen Altparteiobmanns Alois Mock, wurde mit dem Goldenen Ehrenzeichen der ÖVP geehrt.

Außer Wolfgang Schüssel waren alle ehemaligen Parteiobmänner der ÖVP anwesend – Freizeitbräune inklusive.