Geschichte und Augenblick: Paulus Hochgatterer erzählt vom Krieg
Wien (APA) - „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“, kommt erst ganz am Ende - und ist weniger eine Klimax der gleichnamigen Geschich...
Wien (APA) - „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“, kommt erst ganz am Ende - und ist weniger eine Klimax der gleichnamigen Geschichte, als eine beiläufige Pointe, eine stille, anständige Alltäglichkeit, die nur in Zeiten tobender Ungerechtigkeit zur Heldentat avanciert. Paulus Hochgatterer erweist sich in seiner intimen Kriegserzählung als Meister des Augenblicks, der den Gencode der Geschichte trägt.
Schauplatz ist ein niederösterreichischer Bauernhof, der zum sicheren Hafen nicht nur für die Familie, sondern auch für Flüchtlinge aller Art wird. Nelli, die Erzählerin, ist vermutlich die einzige Überlebende einer donauschwäbischen Familie, sie kam 13-jährig mit „Kriegsschaden“ und weitgehend ohne Erinnerung an den Hof. Sie fügt sich in die Familie, die nach dem Verschwinden des einzigen Sohnes auf den Schlachtfeldern des zweiten Weltkrieges, nur noch Töchter zählt. Und Laurenz, den Bruder des Bauern, der Nelli ins Herz geschlossen hat.
Je näher die Bombeneinschläge kommen, desto mehr werden die Bewohner. Als Amstetten schwer unter Beschuss gerät, werden obdachlose Bekannte angeschwemmt und mit ihnen ein junger Mann, ein Maler, der ein geheimnisvolles Bild mit sich trägt. Mit wenigen Bleistiftstrichen skizziert dann nicht nur Michail ein schicksalhaftes, abstraktes, doch eindeutig als Hitlerkarikatur erkennbares Bild, sondern entwirft auch Hochgatterer ein filigranes Beziehungsgeflecht, das in wenigen, dicht gezeichneten Szenen lebendig und alltäglich wird. Der Krieg ist ganz nah und weit weg zugleich. Die Kartoffeln gehören in die Erde, wie jedes Jahr. Dafür hat er ein Gespür, der Großvater. Und für den Moment, der Helden fordert.
Hochgatterer hat literarisch länger nichts von sich hören lassen. Der viel beschäftigte Primar der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tulln veröffentlichte zuletzt Vorträge und Reden (2012), nachdem er mit „Die Süße des Lebens“ (2006) und „Das Matratzenhaus“ (2010) unter die Krimiautoren und mit „Makulatur“ (2012) unter die Dramatiker gegangen war. „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“, markiert jedoch eine Rückkehr zum jenem dichten, ruhevollen, mitunter nur angedeuteten Erzählen in früheren Büchern wie „Eine kurze Geschichte von Fliegenfischen“ (2003) oder „Über Raben“ (2002), in denen sich der Plot weniger anhand von Ereignissen als von Beziehungen definiert, deren ganze Widersprüchlichkeit in geschickten Momentaufnahmen ausgeleuchtet wird.
Auf gerade etwas mehr als hundert Seiten bringt es diese Erzählung, und ihre Lücken, fehlenden Enden, nicht erzählten Hauptsachen stehen nach Ende der Lektüre fragend im Raum. Damit machen sie genauso Irritation wie Reiz des Büchleins aus, das sich nichts weniger und nicht mehr vornimmt, als den Vorhang der Vergangenheit einen sanften Windhauch lang zu heben. Um zu sehen, dass da - inmitten der Geschichte, des Krieges, der unpersönlichen Katastrophen und an den von den Geschichtsschreibern unbedachten Nebenschauplätzen - Menschen sind.
(S E R V I C E - Paulus Hochgatterer: „Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war“, Deuticke, 112 S., 18,50 Euro. Paulus Hochgatterer liest am 10. August bei den O-Tönen im Haupthof des Wiener Museumsquartier.)