Osttirol

Ernte in schwindelerregender Höh’

Job mit buchstäblich guten Aussichten: Anja Idl hangelt sich von Ast zu Ast bis zum Wipfel hoch ? ohne Furcht und mit viel Geschick.
© Funder

Anja Idl aus Lienz klettert bis in die Wipfel von Tannen, um im Auftrag des Landesforstgartens Nikolsdorf Zapfen für die Saatgutproduktion zu pflücken. Höhenangst ist für die 31-jährige Baumsteigerin ein Fremdwort.

Von Claudia Funder

Lienz –Ein Waldstück knapp unterhalb der Dolomitenhütte: Anja Idl trägt festes Schuhwerk, legt einen Klettergurt an und klinkt das Seil in den Karabinerhaken an der Hüfte ein. Aber den Gipfel eines Berges erklimmen will sie nicht, auch wenn ihre Ausrüstung dies vermuten lassen würde.

Hoch hinaus geht es dennoch: Die 31-Jährige, die beim Maschinenring Osttirol arbeitet, holt Zapfen von den Tannen – für den Landesforstgarten Nikolsdorf. Dort erfolgt quasi „Nachwuchsförderung“ für kommende Waldgenerationen: In der einzigen Klenge Westösterreichs werden die Zapfen zu qualitätsvollem Saatgut verarbeitet und neue Pflanzen gezogen.

Anja ist klein und leicht. „Das ist ein Vorteil“, lacht sie – und man glaubt es ihr spätestens, als sie in unfassbarem Tempo nach oben turnt. Fast wie ein Eichhörnchen klettert sie akrobatisch den Stamm hoch, bis sie im dichten Astwerk verschwindet.

Anja Idl mit Anton Schett, Leiter des Landesforstgartens Nikolsdorf, der stolz auf die Baumsteigerin ist: „Sie macht das einfach super!“
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Rund 20 Minuten dauert das Beernten pro Baum, samt kräfteraubendem Auf- und Abstieg. „Es geht in 30 bis 40 Meter Höhe“, erzählt Anja nach ihrer Rückkehr zum Boden und erklärt, wonach man gerade fragen wollte: „Schwindelfrei muss man sein und Kondition haben.“ Beides bringt die sportliche Lienzerin unübersehbar mit.

Das nötige Rüstzeug für diesen „Drahtseilakt“ hat sich Anj­a vor zehn Jahren in Deutschland angeeignet: „Ich habe die Ausbildung zur Baumpflegerin mit Seilklettertechnik gemacht.“

Der Job mit buchstäblich hervorragenden Aussichte­n ist ganz nach ihrem Geschmack: „Man hat im Wald Ruhe, arbeitet nach eigenem Tempo.“ Ganz oben im Baum angekommen, schwanke der Stamm schon einmal um mehrere Meter. „Es schaukelt im Wind. Aber die Pendelbewegungen sind super“, liebt Anja das, was den meisten anderen wohl pure Angst in die Knochen treiben würde.

Nach getaner Arbeit in der Höhe wartet noch einmal ein Kraftakt am Boden: Es gilt die Zapfen in Jutesäcke zu stopfen und diese zum Pritschenwagen zu transportieren. Manche dieser Bündel bringen gleich viel auf die Waage wie sie selbst, erzählt Anja. „Ich hätte gern einen Esel, der sie für mich schleppt“, scherzt sie. Die Tagesmengen nach stundenlanger Hangelei durch die Baumkronen sind beachtlich. Anja: „Es waren auch schon einmal 400 Kilo Zapfen.“

Das Harz klebt an den Handschuhen, macht diese rasch unbrauchbar. „Ich brauche fünf Paar pro Tag“, erzählt Anja. Ihre Haare schützt ein Kopftuch. Das klebrige Zeug haftet allerdings an Armen, Gesicht und Hals. Anja kennt einen Trick, wie man es wieder loswird: „Nach der Arbeit die Haut mit Butter einreiben, das funktioniert wunderbar.“

Gepflückt werden darf übrigens nicht irgendwo im Wald. „Es gibt eine Liste von anerkannten Beständen, wo beerntet werden darf“, erklärt Anton Schett, Leiter des Landesforstgartens Nikolsdorf. Zahlreiche Kriterien müssen erfüllt werden. Die Zulassung erfolgt durch das Bundesamt für Wald in Wien. „Ich mache Schnittproben, um zu schauen, ob die Zapfen reif sind“, so Schett. Die Beerntung erfolge je nach Baumart von Frühjahr bis Spätherbst. Es gibt Vollmast-, Halbmast- und Sprengmastjahre, bei Vollmast sind die Samen am wertvollsten. „Wir sind bestrebt, das Samenlager auf Vorrat zu bestücken“, betont Schett.

Im Forstgarten werden die Zapfen getrocknet, aufgerieben, der Samen entflügelt und gereinigt. Die Aufbereitung von Saatgut erfolgt in der Klenge. Der Name stammt vom Wort Klang, jenem Geräusch, das entsteht, wenn die Schuppen der Zapfen aufspringen und den Samen freigeben.

„Im Landesforstgarten wurden seit 1992 rund 100 Tonnen Zapfen verarbeitet, im Vorjahr waren es zwei Tonnen“, weiß Schett. Elf Hektar des Gartens sind Samenplantage. Pro Jahr werden rund 1,3 Millionen Pflanzen produziert.

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Catharina Oblasser

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