Türkei

Prozess gegen „Cumhuriyet“-Journalisten hat begonnen

Seit Monaten sitzen Mitarbeiter der türkischen Zeitung “Cumhuriyet“ in U-Haft. Nun wird ihnen der Prozess gemacht - wegen Terrorunterstützung. Reporter ohne Grenzen sieht darin inzwischen einen “Standardvorwurf gegen alle, die kritisch berichten“.

Istanbul - Rund acht Monate nach ihrer Inhaftierung hat in Istanbul der Prozess gegen 17 Mitarbeiter der regierungskritischen türkischen Zeitung Cumhuriyet begonnen. Den Journalisten und Managern wird die Unterstützung "terroristischer Gruppen" vorgeworfen. Der Auftakt am Montag in Istanbul wurde von scharfer internationaler Kritik begleitet.

Zu den Angeklagten zählen der derzeitige Chefredakteur Murat Sabuncu, der langjährige Kommentator Kadri Gürsel und der Karikaturist Musa Kart. Ebenfalls angeklagt ist der Enthüllungsjournalist Ahmet Sik, der in der Vergangenheit wegen eines kritischen Buchs über die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen inhaftiert war.

In Abwesenheit angeklagt ist der frühere Chefredakteur Can Dündar, der sich derzeit in Deutschland aufhält. Dündar war 2016 wegen eines Berichts der Zeitung über Waffenlieferungen des türkischen Geheimdiensts an islamistische Rebellen in Syrien zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Während des Berufungsverfahrens reiste er nach Deutschland aus.

Angeklagten drohen bis zu 43 Jahre Haft

Den Cumhuriyet-Mitarbeitern wird Unterstützung der Gülen-Bewegung, der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und der linksextremen DHKP-C vorgeworfen. Die Zeitung betont jedoch, sie habe stets kritisch über alle drei Organisationen geschrieben und unterhalte keinerlei Verbindungen zu ihnen. Nach Angaben von Reporter ohne Grenzen (ROG) drohen den Angeklagten bis zu 43 Jahre Haft.Prozessauftakt am Tag der Pressefreiheit

Der Prozess wurde international kritisch verfolgt. "Schweigt nicht! Freie Medien sind ein Recht!", riefen Unterstützer der Angeklagten vor dem Gerichtshaus in Istanbul und ließen bunte Luftballons aufsteigen. Der Prozessauftakt fiel auf den 24. Juli, an dem in der Türkei in Erinnerung an die Aufhebung der Zensur im Jahr 1908 die Pressefreiheit gefeiert wird.

Reporter ohne Grenzen: Prozess ist "hanebüchen"

ROG nannte den Prozess gegen die Cumhuriyet-Mitarbeiter "hanebüchen" und "an Absurdität nicht zu überbieten, denn was all diese Journalisten verbindet ist, dass sie in erster Linie unabhängig berichtet haben", sagte der deutsche RoG-Geschäftsführer, Christian Mihr, dem Sender Bayern 2. Für Reporter ohne Grenzen hätten sie kritisch gegen die regierende AKP und den türkischen Präsidenten Erdogan berichtet. "Und das wird hier versucht auszumerzen", sagte Mihr, der als Beobachter nach Istanbul gereist ist. Aus Sicht seiner Organisation handle es sich auch um "einen symbolischen Prozess". Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte Mihr, die Beschuldigung, Terrororganisationen zu unterstützen, sei inzwischen "der Standardvorwurf gegen alle, die unabhängig berichten".

Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) forderte ein sofortiges Ende des Verfahrens und die Freilassung der Inhaftierten. Der Beauftragte für Medienfreiheit OSZE, Harlem Desir, teilte mit: "Ich fordere die Türkei hiermit auf, alle Anschuldigungen fallenzulassen, alle Journalisten, die wegen ihrer Arbeit inhaftiert wurden, freizulassen, und dringend benötigte Reformen einzuleiten, um die Medienfreiheit im Land zu schützen."

Der Präsident des Österreichischen Journalisten Clubs (ÖJC), Fred Turnheim, rief ebenfalls zur Solidarität mit den in der Türkei inhaftierten Journalisten auf. Nach Angaben der Europäischen Journalistenvereinigung befinden sich dort inzwischen mehr als 150 Journalisten im Gefängnis. Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärte jedoch kürzlich, dass nur "zwei echte Journalisten" hinter Gittern seien. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 155 von 180 - hinter Weißrussland und der Demokratischen Republik Kongo.

Mit harter Hand gegen kritische Journalisten

Seit dem gescheiterten Putschversuch im Juli 2016 und der Verhängung des Ausnahmezustands gehen die türkischen Behörden mit besonderer Härte gegen kritische Journalisten vor. Nachdem dutzende kritische Medien geschlossen wurden, ist die 1924 gegründete Cumhuriyet eine der letzten unabhängigen Stimmen in der Türkei.

"Laut der Regierung sind alle Oppositionellen Terroristen. Nur sie selbst sind keine Terroristen", sagte die Abgeordnete Filiz Kerestecioglu von der prokurdischen Oppositionspartei HDP. Der Generalsekretär von Reporter ohne Grenzen, Christophe Deloire, sagte, nicht nur Cumhuriyet, sondern "der gesamte Journalismus in der Türkei" stehe in Istanbul vor Gericht. (APA/dpa/AFP, TT.com)