“Lust For Life“

Lana Del Rey: Endloser Abgesang auf eine Ära

© Universal Music

Ein Stück Gegenwart ist in Lana del Reys nostalgisches Universum eingebrochen. Nachzuhören auf dem neuen Album „Lust for Life“.

Von Silvana Resch

Innsbruck –Als der US-Künstler Richard Prince in den 1980er-Jahren einen Ausschnitt aus einer Marlboro-Anzeige in einem Magazin abfotografierte, der nur den reitenden, lassoschwingenden Cowboy ohne Werbetypografie zeigte, entfachte diese Form der künstlerischen Aneignung eine hitzige Debatte. Für die einen platter Diebstahl, für die anderen geniale Kunst, die die Mythen der amerikanischen Massenkultur hinterfragt. Mit seinen „Re-Fotografien“ hat Prince die kulturellen Praktiken des bildbesessenen Internet­zeitalters vorweggenommen. Approbationskunst, die von Lana del Rey auf verführerische Art weitergesponnen wird.

Mit ihrem aus YouTube-Schnipseln zusammengezimmerten Video zum ersten großen Hit „Video Games“ legte sie den Grundstein ihres dunkel schimmernden Universums. Als Retro-Sirene, die in lasziver Langsamkeit und mit unverblümter Sprache die Irrungen der Liebe besingt, wird sie seitdem gefeiert – beziehungsweise ab-getan. Die Mythen und Ikonen vergangener Dekaden, insbesondere der 50er- und 60er-Jahre, überführte sie in ein neues Jahrtausend.

Der Kulturkritiker Simon Reynolds hatte Popmusik in seinem Buch „Retromania“ als eine endlose Wiederverwertungswalze beschrieben, der die Zukunftsverspre- chen abhanden gekommen sind. Für seinen Anfang des Jahres verstorbenen Kollegen Mark Fisher gehen der Aufstieg des Neoliberalismus und der Verlust der kreati- ven Zukunft dabei Hand in Hand.

In ihrer Konsequenz ist die Wiederverwertung bei Lana del Rey geradezu originär. „Look at you kids with your vintage music/Comin’ through satellites while cruisin’/You’re part of the past, but now you’re the future“, singt sie in der Single „Love“ über die verwirrende Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart in der Meta-Blase Internet. Mit ihren cinemascopen Popsongs glei- tet sie sacht durch die leise plätschernden Wellen einer „exponierten Melancholie“, wie sie Mark Fisher als popmusikalischen Ausdruck einer erdrückenden Perspektivlosigkeit formuliert.

Der Neoliberalismus präsentiert sich unter US-Präsident Donald Trump mit triumphierender, fremden-und frauenfeindlicher Fratze. Dass Trump mit seinem Versprechen „Make America great again“ sich letztlich ähnlicher Bilder und Illusionen bemächtigt wie del Rey, hat die Künstlerin aus der Deckung gelockt. „Is it the end of an era?/Is it the end of America?“, fragt sie in dem Stück „When the World Was at War We Kept Dancing“. Der Song „God Bless America – And All The Beautiful Women In It“ mit den zwei in den Refrain gemischten Schüssen spricht indes US-amerikanischen Frauen Mut zu. Die Freiheitsstatue, die für den Geist einer für alle Neuankömmlinge offenen Nation steht, lässt sie dabei im Dunkeln leuchten.

Auf dem ausschweifenden Album „Lust for Life“ hat die 32-Jährige eine Reihe von Gastkünstlern geladen, darunter den befreundeten kanadischen R’n’B-Star The Weeknd, der in der titelgebenden Single „Lust for Life“ mit der Sängerin auf den Hollywood Signs turnt. Um die künstlerische Konstante Hollywood und ihren Narzissmus dreht sich auch die gemeinsam mit Stevie Nicks eingesungene, opulente Ballade „Beautiful People Beautiful Problems“. Sean Lennon wird in dem von den Beatles inspirierten „Tomorrow Never Came“ gefeatured, während Langzeitfreund und Kollaborateur A$AP Rocky in „Summer Bummer“ und „Groupie Love“ kleine Akzente setzt. In Lana del Reys künstlerischem Universum gibt niemand außer ihr selbst den Ton an. Ein „White Mustang“ darf da freilich nicht fehlen.