Wir kommen alle aus dem Meer
Thomas Blubacher verlegt Anders Lustgartens brisantes Drama „Lampedusa“ in den Kranewitter Stadl.
Telfs –Gekrümmt. Verwest. Aufgedunsen. Jung. So sehen die Leichen aus, die Stefano täglich aus dem Wasser fischt. Doch manche der Toten wirken auch so, als könnte man sie mit einem Klaps auf die Schulter wieder zum Leben erwecken – so ruhig gleiten sie durch die Wellen vor Lampedusa, jener Insel, die zum Symbol für Flüchtlingstragödien geworden ist. Früher verdiente sich Stefano als Fischer seinen Lebensunterhalt – aber jetzt ist das Mittelmeer, einst die Wiege allen Lebens, ein riesiges Grab geworden. Und Stefano ein Totengräber wider Willen, der Flüchtende verflucht, weil er keine Leichen mehr sehen kann.
Auch Denise hat mit Gestrandeten zu tun. Sie leben zwar noch, drohen aber in einem Ozean aus unbezahlten Rechnungen unterzugehen – und da kommt Denise ins Spiel und macht ihren Job, für den sie gehasst wird. Aber irgendwer muss die Schulden ja eintreiben. Und die armen Schlucker sind doch selbst schuld. „Wenn du keine Kohle hast, komm’ ohne aus“, ist die Devise der Studentin, die sich in Nordengland selbst kaum über Wasser halten kann.
In seinem brandaktuellen Drama „Lampedusa“, das seit Dienstag bei den Tiroler Volksschauspielen zu sehen ist, stellt der Brite Anders Lustgarten die Schicksale von Stefano und Denise nüchtern gegenüber. Den Kranewitter Stadl hat Karl-Heinz Steck dafür mit wackeligen Schiffsplanken ausgelegt, auf denen die misanthropen Antihelden versuchen, dem Ungleichgewicht der Welt entgegenzusteuern. Lustgartens Text ist grimmig und in seiner Trostlosigkeit schrecklich – doch immer wieder flammt auch bissiger Witz auf, der die drastischen Sprachbilder erträglich macht. Lieko Schulze und Max Urlacher verstören und berühren als zynische Schuldeneintreiberin und desperater Leichenfischer, in der präzisen Regie von Thomas Blubacher hinterlässt ihr eindringliches Spiel Gänsehaut. Jakob Köhle untermalt das Kammerspiel mal mit sanften, mal mit ohrenbetäubenden Klängen, die das Meeresrauschen ersetzen. Sein Schlagzeugsolo steht aber verloren im blaugrauen Raum, der zusehends von bunten Lichteffekten erhellt wird.
Gegen Ende taucht Hoffnung auf – Stefanos erkaltetes Herz erwärmt sich für den Gestrandeten Modibo, der ihn mit offener Freundlichkeit packt. Denise lässt sich von Schuldnerin Carolina ein- und bekochen und bricht aus dem System der Schlechtigkeiten aus. Kitschig? Auf jeden Fall. Aber die Welt braucht Kitsch. Und Empathie. Vielleicht können wir uns so gegenseitig retten. „Wir kommen alle aus dem Meer“, heißt es in „Lampedusa“. Davor können und dürfen wir uns nicht verschließen. (fach)