„Ich denke immer in Filmschnitt“: Multikünstlerin Lisl Ponger wird 70

Wien (APA) - Sie ist Fotografin, Experimentalfilmerin und Medienkünstlerin, Autorin und Ausstellungsgestalterin, begeisterte Reisende und kr...

Wien (APA) - Sie ist Fotografin, Experimentalfilmerin und Medienkünstlerin, Autorin und Ausstellungsgestalterin, begeisterte Reisende und kritische Kommentatorin der ethnologischen Ausstellungspraxis. Ihre Arbeiten fordern mit Witz und Intelligenz zum Weiterdenken auf. Am 2. August feiert die Wiener Künstlerin Lisl Ponger ihren 70. Geburtstag. Ihr Credo: „Es ist nicht so oder so, sondern immer so und so.“

Geboren wurde Ponger am 2. August 1947 in Nürnberg. Ihre Eltern waren vor den Nazis geflüchtet, ihr Vater war als US-Offizier zurückgekehrt und wirkte an den Kriegsverbrecherprozessen mit. Die Familie übersiedelte zurück nach Wien, als die Tochter ein Jahr alt war. Ihre Ausbildung begann sie an der Fotoklasse der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien. „Ich wollte aber immer Künstlerin werden“, sagt Ponger. Als Fotografin dokumentierte sie etwa zahlreiche Aktionen der Wiener Aktionisten wie Otto Muehl oder Hermann Nitsch.

1974 bis 1978 ging sie in die USA und nach Mexiko, ein Land, das sie seither nicht losgelassen hat. „Dorthin würde ich auch auf der Stelle wieder hinfahren. Wenn es nicht so weit weg wäre.“ Nach ihrer Rückkehr begann sie 1979 mit dem Filmemachen. Ponger war auch für Konzept und Organisation der Avantgardefilmschau „Die Schatten im Silber“ im Jahr 1987 verantwortlich und ist Gründungsmitglied des Filmverleihs sixpackfilm. Zu ihren eigenen Arbeiten gehören Super-8-Filme wie „Space Equals Time - Far Freaking Out“ (1979), „The Four Corners of the World“ (1981) oder „Lichtblitze“ (1988). Ponger gilt als Experimentalfilmerin. „Der Langfilm war nie mein Ziel“, sagt sie.

Ihren bisher letzten Film hat die zweimalige documenta-Teilnehmerin 2007 gedreht. „Imago Mundi“ wurde mit 37 Minuten auch ihr bisher längster Film. „Mit ihm hab ich mich ein bisschen aus der Filmszene rausgefilmt.“ Der Film „re-inszeniert ein Stillleben aus dem 17. Jahrhundert und verbindet dessen Kritik an weltlichen und geistlichen Machtstrukturen mit der postkolonialen, neoliberalen und globalisierten Welt“, heißt es in der Werkbeschreibung.

Das Spannungsfeld zwischen Fremdem und Heimatlichem, Erinnerung und Vergessen, Kunst und Geschichte sind immer wiederkehrende Themen ihrer Arbeiten. Eurozentrismus und Fremdenangst kann die vielgereiste Künstlerin gar nicht verstehen. „Österreich scheint mir eines der furchtsamsten Länder. Woher kommt das? Wir halten uns offenbar noch immer für den Nabel der Welt. Auf was hinauf?“

Heute sieht Ponger, die 1998/99 und 2001/02 Gastprofessorin an der Universität für angewandte Kunst Wien war, die inszenierte Fotografie als ideales Medium für sich. Eine temporäre Rückkehr zum Film sei aber „nicht ausgeschlossen. Wenn ich eine Idee habe, die danach verlangt. Film mache ich, wenn es unbedingt sein muss. Film ist so viel schwieriger zu finanzieren und zu verwirklichen. Meine inszenierten Bilder haben alle Elemente eines Spielfilms - Beleuchter, Maske, Location, Darsteller, Catering -, aber verdichtet zu einem einzigen Bild. Das kann ich an einem Tag realisieren. In meinem Herzen bin ich aber eine Filmemacherin geblieben. Ich denke immer in Filmschnitt.“

Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit aktuellen politischen Themen wie Migration und Integration, sollen aber nicht nur politisch gelesen werden, fordert sie. „Ich bin nicht der Meinung, dass Ästhetik etwas rein Bürgerliches ist. Allerdings ist mir im Zweifel ‚gscheit und schiach‘ lieber als ‚schön und dumm‘.“ Ihre Themen verfolgt sie in Büchern wie „Fremdes Wien“ (1993), „Xenographische Ansichten“ (1995) oder „Phantom fremdes Wien“ (2004) und in den vergangenen Jahren verstärkt in Ausstellungen.

2014 ließ sie in der Secession, deren Mitglied sie ist, das von ihr als Kunstprojekt gegründete „Museum für fremde und vertraute Kulturen“ (MuKul) zwei Ausstellungen zeigen: Unter dem Titel „Lisl Ponger. Wild Places“ stellte sie ethnologischen Artefakten eigene Fotoarbeiten über Kolonialismus zur Seite, in „Vanishing Middle Class“ betrieb sie Spurensicherung am vom Aussterben bedrohten Mittelstand und hinterfragte dabei klassische Mittel der ethnologischen Museumsarbeit. 2016 verwandelte sie im Rahmen der Festwochen-Ausstellung „Universal Hospitality“ einen Raum der Alten Post in einen Amtsraum, in dem Flüchtlingsfotos als Puzzles zusammengesetzt werden und vergab Aufträge für die Gestaltung von Briefmarkenbögen.

Für die nächsten Monate sind Teilnahmen an Gruppenausstellungen beim steirischen herbst in der Kunsthalle Krems, im Wiener Dommuseum oder bei der ersten Biennale im chinesischen Anren geplant. Derzeit arbeitet Lisl Ponger aber Tag und Nacht an ihrer Eröffnungsschau für das Weltmuseum Wien, „The Master Narrative“. Diese Arbeit scheint ihr nicht nur aus intellektuellen und künstlerischen Gründen sehr zu entsprechen. „Ich glaube, ich war in meinem früheren Leben ein ethnologisches Objekt und hab in einem Museum gewohnt“, sagt Lisl Ponger. Und wie häufig bei ihr, weiß man nicht so recht, wie ernst sie das meint. Und bekommt etwas mit, worüber sich nachzudenken lohnt.

(S E R V I C E - http://lislponger.com)