„Dunkirk“: Scham und Wut am Strand
In Christopher Nolans verstörendem Meisterwerk „Dunkirk“ ist 1940 die erste Schlacht gegen die deutsche Wehrmacht verloren und 400.000 Soldaten warten auf ihre Rettung.
Von Peter Angerer
Innsbruck –Wann immer sich zwischen den 50er- und 70er-Jahren an den Kinokassen eine Krise ankündigte, wurden bewährte Westernregisseure mit der Inszenierung eines Kriegsspektakels beauftragt, denn wer mit Pferden kann, beherrscht auch Panzer, und nach den Dramaturgievorstellungen der Unterhaltungsbranche endete jeder Filmkrieg – ob als Luftschlacht oder Himmelfahrtskommando ausgetragen – mit einem Showdown. Der abstrakte Antagonismus hatte auch damit zu tun, die Gefühle keines Kinogehers in den wichtigen Absatzmärkten zu verletzen. Der Brite Christopher Nolan hat noch keinen Western inszeniert und steht als Regisseur der düsteren Batman-Trilogie und des traumwandlerischen Films „Inception“ nicht gerade für Krise, weshalb seine Ankündigung, sich mit „Dunkirk“ dem Grauen des Zweiten Weltkriegs widmen zu wollen, mehr als eine Überraschung war. Aber die Schlacht von Dünkirchen ist – Anfang Juni 1940 – bereits geschlagen und für die Alliierten aus Engländern und Franzosen verloren. „400.000 Soldaten“, heißt es in den erklärenden Inserts im Vorspann des Films, „erwarten ihr Schicksal“, während „der Feind“ mit seinen Panzerdivisionen vor der Küstenstadt Stellung bezieht.
In der Eröffnungssequenz von „Dunkirk“ irren britische Soldaten durch eine Postkartenidylle und bieten unsichtbaren Heckenschützen lohnende Ziele. Tommy (Fionn Whitehead) kann als schnellster Läufer entkommen, in Sichtweite liegt eine rettende Mauer aus Sandsäcken – sofern die Franzosen Tommys Uniform und Schreie richtig deuten. Das Adrenalin treibt den Überlebenden bis zum Strand, wo er endlich den Soldatenmantel heben und die Hose fallen lassen kann, um den nervösen Darm zu entleeren. Aber an Erleichterung ist nicht zu denken, da der Soldat wenige Meter neben sich einen anderen entdeckt, der mit Umsicht eine Grube zuschaufelt, die sich vielleicht noch benützen lässt. Bei näherer Betrachtung ist aber gerade noch eine Hand zu sehen, die aus dem Sand herausragt. Dichter lassen sich Angst, Schmach, Schmerz, Schmutz, Tod, Wut und der Humor von Todgeweihten in einem Bild nicht vereinigen.
Bereits nach diesen ersten Minuten ist zu erahnen, was Christopher Nolan an diesem für ihn ungewöhnlichen Stoff interessiert haben könnte: Es ist nicht die Absurdität und die Tragödie des Krieges, der für die Soldaten in Nordfrankreich bereits verloren scheint, die auf ihre Rettung vor einem in jeder Hinsicht überlegenen Feind warten, es ist die Überwältigung der Zuschauer mit den emotionalen Mitteln des Kinos, obwohl es keine einzige Identifikationsfigur unter den Helden gibt.
„Dunkirk“ ist ein ausgefeiltes Lehrstück über das Sehen. Über allen Bildern schwebt Tom Hardy als Bomberpilot Farrier, von dem zwischen Helm und Funkmaske – wie schon in „The Dark Knight Rises“ und „Mad Max“ – nur die Augen zu sehen sind. Mark Rylance schließt sich als Mr. Dawson mit seiner kleinen Yacht der Armada englischer Boote an, um die verlorenen Soldaten jenseits des Ärmelkanals „heimzuholen“. Kenneth Branagh überwacht als Commander Bolton auf einer notdürftigen Mole am Strand von Dünkirchen die Evakuierung, die immer wieder von deutschen Bombern torpediert wird. Auf dem Festland werden die frierenden Soldaten von einem alten Mann mit Glückwünschen und wärmenden Decken empfangen. „Wir haben nur überlebt“, sagt Tommy. Er sucht vergeblich den Augenkontakt und vermutet, der alte Mann wolle ihm nur seine Verachtung für die Niederlage gegen Hitler ersparen. Nolan zitiert in dieser Szene Charlie Chaplins Entdeckung der Blindheit des Blumenmädchens in „Lichter der Großstadt“, um die emotionale Wirkung auf die Spitze zu treiben. Es ist der Blinde, der alles sieht. Viele der Bilder der im Meer treibenden oder an einen Strand gespülten Leichen, die in Nolans Film aufwühlen, werden in unserem realen Nachrichtenalltag übersehen.