Salzburger Festspiele

„Was tun, wenn die Demokraten Tyrannen wählen?“

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Das Phänomen Macht steht im Mittelpunkt von Markus Hinterhäusers ersten Salzburger Festspielen. Es wurde auch in den Eröffnungsreden beleuchtet.

Salzburg –Der deutsche Autor und Strafverteidiger Ferdinand von Schirach hat in seiner Salzburger Festspiel­rede über die Macht des Volkes eine eindringliche Warnung vor der „Schwarmintelligenz“ ausgesprochen. Diese sei, und das werde in sozialen Medien überdeutlich, „am Ende nur ein weiterer Modebegriff für die ganze hässliche Macht des Stärkeren“, so Schirach.

Die Macht, an deren Schwell­e wir heute stünden, „wurde von den Librettisten der Opern nicht beschrieben“. Sie ist eine Erfindung späterer Generationen. „Unsere höchste Autorität, Grundlage unserer Staaten“, die „strahlende, menschenfreundliche Idee“ – nämlich „Alle Macht geht vom Volke aus“ – könne „alles zerstören, was wir sind“. Durch Internet und soziale Medien sind Bürger nicht mehr nur Empfänger, „sondern wurden zu sehr mächtigen Sendern“. Nie sei es so einfach gewesen, seine Stimme zu erheben und gehört zu werden. Leicht könne man sich eine „BundesApp“ vorstellen, die Rousseaus einstige Ideale der ständigen politischen Mitbestimmung des Volkes in unsere heutige Realität umsetzt.

Die Geschichte aber zeig­e: „Rousseau irrte sich, seine Ideen endeten im Terror.“ Im Rückblick erkenne man, dass sich der Volkswillen oft „für das Falsche, Dunkle, Furchtbare“ entschieden habe, betonte von Schirach und fragte: „Was tun, wenn die Demokraten einen Tyrannen wählen? Wann soll eine Sachentscheidung über eine Mehrheitsentscheidung gestellt werden? Wann muss sie es?“

Denn nicht die direkte Demokratie habe uns „Siege über uns selbst“, über das unethische Tier Mensch, erringen lassen, so Schirach, sondern unsere „Achtung vor unserem Nebenmenschen“, die sich schließlich in Magna Carta und Bürgerrechten, in Verfassungen und komplizierten Regelwerken manifestiert hat – „so langweilig das klingt“.

Das Phänomen Macht ist ein roter Faden in den ersten von Intendant Markus Hinterhäuser verantworteten Salzburger Festspielen, gestern Abend hatte dort Mozarts Polit-Oper „La clemenza di Tito“ Premiere. Bei der Eröffnung am Vormittag sprach Bundespräsident Alexander Van der Bellen u. a. davon, dass wir im Angesicht von Digitalisierung und der Verlagerung der Diskurse ins Internet gefragt seien, uns nicht in der „Echokammer“ einzurichten und in ein „digitales Biedermeier“ zu verfallen, sondern auf Empathie und Solidarität zu achten. (TT, APA)