Salzburger Festspiele - „L‘Orfeo“ betörte die Felsenreitschule

Salzburg (APA) - Die Mächte der Unterwelt können ihr nicht widerstehen, dem Zauber der Musik des Orpheus. Gestern, Mittwoch, Abend nahm John...

Salzburg (APA) - Die Mächte der Unterwelt können ihr nicht widerstehen, dem Zauber der Musik des Orpheus. Gestern, Mittwoch, Abend nahm John Eliot Gardiners halbszenische Monteverdi-Trilogie bei den Salzburger Festspielen ihren Auftakt. Und „L‘Orfeo“ betörte auch die als Unterwelt bestens geeignete Felsenreitschule. Heftiger Jubel für eine schlichte barocke Feierstunde vom Feinsten.

Anlässlich des 450. Geburtstages seines Lebenskomponisten hat John Eliot Gardiner mit seinen gefeierten English Baroque Soloists und seinem fantastischen Monteverdi Chor einen Bauchladen mit Delikatessen gepackt und zieht damit seit dem Tourstart in Aix-en-Provence im April von einer renommierten Festivaladresse an die nächste. In Salzburg zu sehen: alle drei Opern Monteverdis - neben „L‘Orfeo“ auch der „Ulisse“ und die „Poppea“ - in einer historisch informierten Aufführungspraxis, die nicht nur die Musik, sondern auch die Inszenierung meint. Regie, erstmals: John Eliot Gardiner.

Es widerstrebe ihm, die Guckkastenbühne als einzig möglichen Ort für eine Opernaufführung anzusehen, erklärt Gardiner im Programmheft. Dieser Rahmen unterstütze das Vorurteil, „dass das Auge wichtiger sei als das Ohr“. Und so zeigt der englische Maestro, wie wenig man braucht, um dramatisches, abwechslungsreiches, bewegendes Musiktheater zu machen. Wie zu Monteverdis Zeiten: ein fröhliches Kammerspiel, das sich selbstbewusst vor der mächtigen Kulisse der Felsenreitschule postiert. Es ist besiedelt von einer Truppe, Musiker und Sänger, gar nicht so streng getrennt, die lustvoll musizieren und spielen, darstellen, mitfiebern, beitragen.

Dieses gemeinschaftliche Gefüge, bei dem Solisten sich nahtlos aus dem Chor lösen und wieder einfügen, bei dem das Werken an den Instrumenten nicht von den Darstellern ausgeblendet, sondern zu einem Teil der Handlung wird, bricht mit Hör- und Schaugewohnheiten der Oper und lässt sich mit „halbszenisch“ nur unzureichend beschreiben. Alles wird Szene, und gleichzeitig wird wenig Szene gebraucht. Mit der atmosphärisch üppigen Felsenreitschule verträgt sich das bestens. Durch schlichte Lichtwechsel wird sie vom Wald der Nymphen zum Hades, die Blumen im Haar verschwinden und aus weißen Hemden werden schwarze. Fertig.

Heftig bejubelt wurde dieser erste von drei Monteverdi-Abenden aber vor allem, weil das Auge hier eben nicht wichtiger ist als das Ohr, und was für das Auge stimmte, brachte dem Ohr Hochgenuss. Feingliedrig und voller Überraschungen, weihevoll und übermütig ist dieser Monteverdi, die Musiker arbeiten seine genießerische barocke Forschheit und ihr Unterwandern in angedeuteten Dissonanzen auch auf den historischen Instrumenten mit solcher Klarheit und Sauberkeit heraus, dass die Musik schon ganz allein zum Musiktheater wird.

Vor allem aber macht Gardiners fröhliche Truppe auch akustisch Schluss mit der ständigen Dissoziation von Bühne und Graben. Volumen, Dynamik, Innehalten, Aufdrehen - alle sind dabei. Krystian Adam als Orpheus durfte vor diesem Hintergrund gerade in den leisen Momenten beeindrucken und machte der herausfordernden Partie des singenden, empfindsamen Halbgottes alle Ehre. Hervorragende Einzelleistungen auch von Hana Blazikova als Eurydike und Gianluca Buratto als Charon und Pluto. Als Hauptakteur zurecht frenetisch gefeiert wurde der Chor, der für seine Leidenschaft, Lebendigkeit und Präzision weltweit bekannt ist. Der „Ulisse“ kann kommen.

(S E R V I C E - „L‘Orfeo“ von Claudio Monteverdi. Musikalische Leitung: John Eliot Gardiner, Regie: John Eliot Gardiner und Elsa Rooke; Mit Krystian Adam, Hana Blazikova, Lucile Richardot, Francesca Boncompagni, Gianluca Burrato, English Baroque Soloists, Monteverdi Choir. www.salzburgerfestspiele.at)