Nach drei Jahren und viel Hilfe: Tinder-Pärchen traf sich endlich
Es ist ein Märchen, das wohl nur das 21. Jahrhundert schreibt. In drei Jahren tauschten Josh und Michelle zehn vielversprechende Nachrichten aus. Ihr Chatverlauf ging viral, Tinder mischte sich ein und schickte die zwei auf Reisen. Ihr erstes „Date“ hatten die beiden ein paar Stunden vor dem Abflug — live im Fernsehen.
Von Tamara Stocker
Kent — Eigentlich ist Tinder dafür bekannt, ein „schnelles Date" zu finden. Doch „It's a Match" muss nicht zwangsläufig heißen, dass dies zeitnah geschieht. Oder überhaupt. Im Fall von zwei Studenten aus dem US-Bundesstaat Ohio dauerte das ganze gar drei Jahre. Die Dating-App musste dafür sogar selbst die Zügel in die Hand nehmen.
Aber von vorne. Es ist der 20. September 2014. Josh Avsec (22) ist noch nicht lange auf Tinder. Er nimmt das ganze auch nicht so ernst, schreibt seinen Matches oft viel Blödsinn. Er wischt mal nach links, mal nach rechts. Und irgendwann poppt da ein Mädchen auf, das „anders" ist. Darum schreibt er ihr auch etwas Anderes. „Hey Michelle", gibt er sich ungewohnt zurückhaltend.
Geduld ist eine Tinder-Tugend
Und Josh hat Glück: Die 21-Jährige antwortet ihm. Auf den ersten Blick also ein ganz normales Tinder-Match. Wäre da nicht die Tatsache, dass Michelles Antwort erst zwei Monate später eintrudelte. Der Grund: Ihr Handyakku war leer.
Josh nimmt das mit Humor und antwortet: „Wow, du hast dein Ladegerät aber relativ schnell gefunden. Ich brauche normalerweise fünf Monate, um es zu finden". Darauf schreibt Michelle, sie habe sichergehen wollen, dass ihr Telefon wirklich 100 Prozent aufgeladen sei.
Und dann ist es Josh, der Michelle zappeln lässt. Im Jänner 2015 schreibt er „Hey, sorry, ich war unter der Dusche." Es vergehen weitere zweieinhalb Jahre — in denen die beiden sage und schreibe fünf Nachrichten austauschen. Zwischen den Antworten liegen immer mehrere Monate. Mit belanglosen Gründen entschuldigen sie sich jedes Mal aufs Neue für die späte Rückmeldung („Sorry, ich hatte Unterricht"). Die beiden halten sich damit gegenseitig bei Laune.
Vor drei Wochen — ja, es ist mittlerweile Juli 2017 — postet Josh den Chatverlauf auf Twitter. Er findet es selbst amüsant und schreibt: „Eines Tages werde ich dieses Mädchen treffen und es wird episch werden!"
Tinder spendiert eine Reise nach Hawaii
Und er sollte Recht behalten. Am vergangenen Dienstag war es soweit. In der ABC-Sendung „Good Morning America" sahen sich Josh und Michelle zum ersten Mal live und in Farbe. Nicht nur das: Nach der Show ging es gleich in den gemeinsamen Strandurlaub. Wie? Tja. Tinder sei Dank.
Joshs Twitter-Posting ging mit 100.000 Likes, 34.000 Retweets und hunderten Kommentaren dermaßen viral, dass nicht nur Michelle, sondern sogar die Dating-App höchstpersönlich davon Wind bekamen. Vier Tage später kam Tinder mit einem Angebot um die Ecke, das die beiden Noch-nicht-Verliebten nicht ausschlagen konnten. „Es wird Zeit, dass ihr euch trefft. Ihr habt 24 Stunden Zeit um euch eine Stadt für euer erstes Date auszusuchen. Wir schicken euch dann dorthin!"
Ungewöhnlicherweise ließ die Antwort der beiden nicht lange auf sich warten. Nach „langem Überlegen" entschieden sich für Hawaii. „Aloah, wir schicken euch für eine Woche nach Maui, aber ihr dürft euch nicht zwei Jahre Zeit lassen, um eure Koffer zu packen. Die beiden konnten ihr Glück kaum fassen, bedankten sich für die Großzügigkeit.
Niemand wollte den Witz kaputtmachen
Und dann ging alles ganz schnell. Am Morgen vor dem Abflug waren sie beim amerikanischen Frühstücksfernsehen zu Gast. Erst trennte die beiden noch eine Wand, sie waren sichtlich aufgeregt. Josh sagte, er habe bis zu seinem Tweet nicht einmal Michelles Nachnamen gekannt. Auch Michelle beschrieb die Situation als „unwirklich". Beide hätten nicht damit gerechnet, dass der jeweils andere auf den Witz einsteigt. Das sei auch der Grund gewesen, warum sie die Konversation nicht aufgegeben hätten. An einem früheren Treffen wäre Michelle auf jeden Fall interessiert gewesen, schließlich studieren sie auch an der selben Universität. Aber: „Ich wollte nicht diejenige sein, die den Witz kaputtmacht."
Neben dem selben Humor teilen Josh und Michelle eine Reihe weiterer Gemeinsamkeiten, wie sich bei einer Fragerunde mit den Moderatoren herausstellte. Und dann war der Moment da. Die beiden traten vor die Wand und konnten ihr „Herzblatt" endlich in die Arme schließen. Die Zuschauer jubelten. Und dann wurden schon wieder Scherze gemacht. Auch übers heiraten.
Ob daraus Liebe werden kann, will ein Journalist später in einem Interview wissen. „Wir haben drei Jahre gebraucht, um uns zehn Nachrichten zu schicken, also denke ich, dass wir mehr als 30 Minuten brauchen, um diese Frage zu beantworten", antwortet Michelle. Wie Recht sie hat. Man soll ja bekanntlich nichts überstürzen.