Eine Lanzenspitze birgt Geheimnisse
Auf dem Areal der einstigen Römerstadt Aguntum wird wieder archäologisch Hand angelegt. Eine ans Tageslicht beförderte Lanzenspitze gibt Rätsel auf. Zu einer nutzbaren Waffe gehörte sie definitiv nicht.
Von Claudia Funder
Dölsach –Lokalaugenschein am Donnerstag in aller Früh. Um 7 Uhr startet auf dem Areal der einstigen Römerstadt Aguntum das Tagwerk des 20-köpfigen Grabungsteams. Mitarbeiter der Universität Innsbruck, Studenten und freiwillige Helfer sind hier eifrig zugange, um bislang Unbekanntes behutsam ans Tageslicht zu befördern. Noch ist es kühl. Die Neun-Stunden-Tage in kniender oder hockender Haltung abzuspulen, kann sich aber durchaus zur schweißtreibenden Angelegenheit auswachsen.
Mit Kelle, Schaufel, Pinsel und einigem mehr ausgestattet, ist die Gruppe heuer in drei Bereichen auf Spurensuche. Genauer ins Visier genommen werden eine der großen Hauptstraßen (Decumanus I sinister), das Forum und der so genannte Prunkbau. Letzterer befindet sich ganz im Westen des Areals und erweist sich als besonders spannendes Terrain. „Der Prunkbau war prächtig ausgestattet. Die Schwellen und Einfassungen der Türen sowie Dekorationen waren aus Marmor gefertigt, aber auch die Stiege, die im vergangenen Jahr entdeckt wurde“, erklärt der Grabungsleiter Michael Tschurtschenthaler vor Ort.
Manch freigelegte Marmorfragmente sind so schwer, dass sie in den nächsten Tagen mittels Hebevorrichtung eines Lkw geborgen werden müssen. Das Bauwerk selbst wird derzeit von Experten restauriert. „Über die Originalstiege kommt eine Abformung, die von Besuchern, die durch das Gelände gehen, bedenkenlos betreten werden kann“, so der Archäologe.
Ein besonders spannendes Relikt wurde jüngst am unteren Ende der besagten Stiege entdeckt: „Eine bestens erhaltene, schwere Lanzenspitze aus dem 1. oder 2. Jahrhundert, die einst ganz bewusst vergraben wurde“, verrät Tschurtschenthaler. „Sie gehörte sicher zu keiner nutzbaren Waffe, sondern dürfte Teil einer lebensgroßen Statue gewesen sein.“ Das 20 Zentimeter lange Teil aus Bronze könne von einem Kultbild stammen, das den Kriegsgott Mars oder die Göttin der Weisheit und des taktischen Krieges, Minerva, darstellte. Möglicherweise zeigte sie aber auch einen Krieger oder einen Kaiser. „Der Spielraum ist groß“, sagt der Grabungsleiter. „Falls wir nichts Weiteres finden, bleibt es Spekulation.“ Der große Raum, in den die Stiege führte, könnte eine Basilika sein, so der Experte.
Das genaue Alter der Lanzenspitze soll nun ermittelt werden. Sie befindet sich bereits in der Restaurierwerkstatt in Innsbruck.
Auch im Bereich des Forums wird weitergegraben. Hier erfolgt so genannte „Tatort-Archäologie“, ein junger Zweig des Fachgebietes. „Wir versuchen die Vorgänge zu rekonstruieren, die hier einst abgelaufen sind“, so Tschurtschenthaler. Es handelt sich um extrem aufwändige Arbeit. Jedes noch so winzige „Brösel“ wird gesammelt. Kleinstfragmente, etwa aus Keramik, Bronze, Glas und Bergkristall, werden genau eingemessen, in Karten eingetragen und ins Digitale übersetzt.
Auch im Umfeld des Forums wird gegraben. Im Norden wurde ein Kanal aus dem 3. Jahrhundert entdeckt, der vom Decumanus I sinister in die Mitte des Platzes führt. „Entweder versorgte er einen Brunnen oder Schmiedestellen mit Wasser“, betont der Grabungsleiter. Die Kanalwände seien aus Marmor und aus Verona rosso, einem rötlichen Stein, gefertigt. Im Westen werden zwei große Räume freigelegt, in denen sich einst möglicherweise eine Fußbodenheizung befunden hatte.
Und im Bereich der erwähnten Hauptstraße wurden mittlerweile sieben Straßenniveaus entdeckt. Sie werden alle einzeln freigelegt.
Auch in den kommenden Tagen begibt sich der Expertentrupp der Universität mit der Schar an „Lehrgräblingen“ täglich von 7 bis 17 Uhr – die Mittagspause dauert nur eine Stunde – ins Gelände, um weiter fündig zu werden.
Kurz nach dem Lokalaugenschein der TT am Grabungsgelände trudelte eine Presseeinladung in der Redaktion ein: Am 9. August werden die Grabungsergebnisse präsentiert. Und wer weiß? Vielleicht wird die Schwerarbeit bis dahin durch weitere spannende Entdeckungen entschädigt.