Die Kunden bleiben aus

Die Wirtschaftskammer besucht alle Betriebe in der Reuttener Lindenstraße und bringt kleine Hilfsbeträge mit. Verluste von bis zu 80.000 Euro werden erwartet. Polizei straft Falschfahrer.

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Samstagabend in der Reuttener Lindenstraße: Die Tische der Pizzeria Toscana sind leer.
© Helmut Mittermayr

Von Helmut Mittermayr

Reutte –„Fahrverbot – ausgenommen Anrainer und Baustellenverkehr!“ Wer als Verkehrsteilnehmer auf so ein Schild auffährt, wird wahrscheinlich wenden. Aber genauso präsentiert sich die Lindenstraße bei der einzig möglichen Einfahrt auf Höh­e Intersport in Reutte. Noch weitere zwei Monate wird die Straße wegen Kanalsanierung erschwert bis nicht passierbar bleiben. Die Firmen in der Lindenstraße stöhnen nach den Erfahrungen der ersten vier Wochen unter den Umsatzrückgängen.

In der Pizzeria Toscan­a liegen die aktuellen Geschäftseinbußen je nach Tag zwischen 50 und 70 Prozent. „Dabei ist der Sommer unsere Hauptsaison“, klagt Inhaberin Cornelia Schöpf. „Hätten wir nicht unser Pizzazustellservice, das gut läuft, wäre aus.“ Die Unternehmerin ist zornig. Bei der ersten Vorbesprechung lange vor Baustelleneröffnung hätten sie und andere gefordert, dass im Herbst und nicht in der Hochsaison im Sommer gebaut werden solle. „Da hat es geheißen, das gehe nicht. Man brauche das lange Licht am Abend, um schneller vorwärtszukommen. Das hat mir eingeleuchtet. Und jetzt – jeden Tag um 18 Uhr lassen alle die Schaufel fallen. Von wegen länger arbeiten. Am Samstag und Sonntag wird auch nichts getan. So wird das ewig dauern.“ Die Geschäftsfrau stört auch immer noch die Beschilderung: „Am Anfang wurden sogar überall Hinweise mit ,Ortsdurchfahrt Reutte gesperrt‘ aufgestellt. Dies ist nach Intervention geändert worden – jedoch nicht in Weißenbach.“

Die Unternehmerinnen Cornelia Schöpf und Sabrina Permoser machen ihrem Ärger über das Baustellenleitsystem Luft.
© Helmut Mittermayr

Die Wirtschaftskammer Reutte wird in den nächsten Tagen alle Betriebe in der Lindenstraße besuchen und in einer Solidaraktion ein Trostpflaster zwischen 1000 und 1500 Euro mitbringen. „Das ist natürlich keine Riesensumme, aber die Betroffenen sollen wissen, dass sie uns nicht egal sind“, erklärt der Außerferner WK-Obmann Christian Strigl gegenüber der Tiroler Tageszeitung. Er bittet die Kunden erneut, den Betrieben in der Lindenstraße in dieser schweren Zeit beizustehen und dort einzukaufen. Dass die Kammergabe nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann, zeigt das Beispiel eines Familienbetriebes. „Wenn es in dieser Tonart weitergeht, werden wir am Sommerende 80.000 Euro Verlust gemacht haben“, erklärt ein Geschäftsmann, der sich lieber nicht outen möchte. Die Namensnennung erzeuge nur Mitleid und das sei das Letzte, was er jetzt brauchen könne.

Sabrina Permoser, die Betreiberin der Diskothek Rockers, hat hingegen kein Problem, ihrem Ärger einen Namen zu geben. Gerade die offizielle Beschilderung sei immer noch problematisch, auch wenn den Unternehmern während der Baustellenzeit von BM Alois Oberer erlaubt worden sei, private Hinweise an der Straße anzubringen. Die Sperre der Durchzugsstraße habe auch außerhalb zu Geschäftsrückgängen geführt. In ihrem zweiten Gastrobetrieb, dem Marktcafé im Obermarkt, hatt­e sie nach überraschenden Geschäftsrückgängen gleich die Notbremse gezogen und die Betriebsruhe vorverlegt. Nach der Änderung der Beschilderung an den Zufahrten zu Reutte habe sich die Lage etwas entspannt, sagt sie. Dies bestätigen auch die Wirte Edi Glätzle (Schwarzer Adler) und Hans Beck (Hotel Beck). Zimmeranfragen von der Straße ohne Vorreservierung seien zu Beginn der Bauphase komplett ausgefallen. Nun sei es besser, aber bei Weitem nicht so gut wie im Sommer üblich. Auch der Lebensmitteldiskonter Hofer, an der Lechbrücke eigentlich nur am Rand tangiert, müsse derzeit herbe Einbußen hinnehmen, wollen Insider wissen. „Aus unternehmenspolitischen Gründen geben wir keinerlei Auskünfte zu unseren Umsätzen bekannt“, heißt es von Konzernseite.

Wenn alles ruht ? die Straße ohne Gegenverkehr gehört am Wochenende den Radlern.
© Helmut Mittermayr

Ein Auge hat – zum Missfallen so mancher Unternehmer – längst auch die Polizei auf Ortskundige geworfen, die „nur schnell einen Abkürzer“ zu einem Laden trotz Fahrverbots oder gegen die Baustelleneinbahn nehmen wollten. Organstrafen machen sie wieder „katholisch“.


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