Ski Alpin

Hirscher: „Es gibt im Leben mehr als rote und blaue Staberln“

Marcel Hirscher blickt bei Medientermin in seine sportliche Zukunft.
© APA

In seiner Salzburger Heimat lud Österreichs Ski-Superstar Marcel Hirscher (28) zu seiner persönlichen Saisoneröffnung.

Von Daniel Suckert

Annaberg –Fast hätte man glauben können, dass selbst der Wettergott ein Fan von Marcel Hirscher ist. Denn kaum marschierte der Salzburger gestern am Winterstellgut von Red-Bull-Boss Didi Mateschitz auf, wich die graue Wolkendecke und ließ die Sonne ihr Werk tun. Passend zum Wetter präsentierte sich das Aushängeschild des ÖSV im weißen T-Shirt, in dunkelblauen Jeans und einem grünen Kapperl. Und nicht nur optisch gab sich der 28-jährige sechsfache Gesamtweltcupsieger entspannt.

Der 45-fache Weltcupsieger über seinen Urlaub am Meer: „Wo wir waren? Ich habe gelesen: in der Karibik, in der Südsee und auf den Malediven. Wir waren zehn Tage weg. Das Meer war für eine Gams wie mich die größte Herausforderung. Wenn beim Schnorcheln ein Hai an dir vorbeischwimmt, dann merkst du, wie klein du wirklich bist.“

... über das erste Schneetraining: „In den nächsten beiden Wochen geht es einmal darum, ein Gefühl für alles zu bekommen. Ich bin seit dem Finale nicht mehr auf Ski gestanden. Das Training soll in Österreich stattfinden, außer wir bekommen jetzt eine Hitzeperiode von über 35 Grad. Nur in dem Fall ginge es nach Übersee. Aber die Nähe zum Ski-Ausrüster ist ganz wichtig. Speziell, was das neue Ski-Reglement im Riesentorlauf betrifft. Da sind nur Prototypen am Start. Und versuch’ einmal in Neuseeland, einen neuen Ski zu ordern.“

... über die Saisonziele: „Mein Zugang ist ein anderer, als sich hinzustellen und von Siegen, Kugeln und Medaillen zu sprechen. Natürlich wäre eine Goldene bei den Olympischen Spielen in Südkorea (2018, Anm.) im Vergleich zu einer siebten Gesamtweltcupkugel zu bevorzugen.“

... über die lange Auszeit: „Ich habe das dringend gebraucht. Gleich nach dem Finale konnte ich einfach nicht mehr. Der Druck war weg und es wäre fahrlässig gewesen, mich auf die Ski zu stellen. Das ist keine Frage der Physis, es geht um die mentale Komponente. Ich breche mittlerweile bewusst mit Routinen, weil ich merke, wie sich im Leben alles verschiebt. Ich bin seit zehn Jahren im Weltcup am Start und irgendwann wird dir klar: Es gibt im Leben mehr als rote und blaue Staberln.“

Der Herr der Kristallwelten jagt den Winter über leidenschaftlich Kugeln, um sie dann bei der Hausbank auszustellen.
© APA

... über die Veränderungen im Alter: „Als 18-Jähriger hast du so schnell wie möglich wieder losgelegt. Mit 28 merkt man, dass der Kopf einfach länger braucht. All die Details, die Eindrücke zu verarbeiten und das einzuordnen. Unter der Saison bist du so im Tunnel, da reißt es dich hin und wieder in die Vergangenheit zurück, ohne dass du den Augenblick verarbeiten kannst. Du schwingst nach dem Rennen ab, man reißt dir alles aus den Händen, sofort streckt man dir ein Mikrophon ins Gesicht, danach der Interview-Marathon und im Anschluss geht es zur Feier. Wobei es für dich keine Feier ist, sondern eh nur ein vorbeischauen. Danach ins Bett, schlafen – und am Tag danach stehst du schon wieder frühmorgens auf der Piste und bereitest dich auf die nächste Herausforderung vor. Das ist Wahnsinn.“

... über das Engagement eines Sportpsychologen: „Das brauche ich nicht. Bitte nicht falsch verstehen, aber wer kann nachvollziehen, wie es sich anfühlt, wenn du bei der Heim-WM als Letzter im Starthaus stehst? Das kann vielleicht der Hermann (Maier, Anm.) oder der Stephan (Eberharter, Anm.), aber das war’s.

... über den neuen Riesentorlauf-Ski: „Fragt’s mich was anderes. Ich weiß gar nichts darüber. Ich habe in dem Punkt zwei Monate Rückstand auf die anderen. Da tut mir mein Team leid, aber es geht nicht anders. Ich brauche den Abstand. Ich werde mich auf die Eindrücke meiner Markenkollegen verlassen müssen. Wenn es ernst wird, bereitet mir das sicher wieder schlaflose Nächte, keine Frage. Vor allem, bei der letzten Änderung waren die Siegfahrer auf einmal alle weg vom Fenster. Das stresst einen schon.“

... über den Erwartungsdruck: „Ich darf, aber ich muss nicht mehr. Die Konkurrenz vertieft die Kräfte, ich verschiebe meine. Ich lebe im Hier und Jetzt, mehr in den Tag hinein. Das hat sich über die Jahre verändert. Und das brauche ich jetzt.“

... über den Erfolg des ÖFB-Damenteams: „Das ist cool, aber ich habe nichts mitbekommen. Ich schalte derzeit weder den Fernseher ein noch höre ich Radio.“

... über die große Pokalsammlung: „Jetzt werden mich einige wieder schimpfen, aber das gibt mir nichts. Der materielle Wert von den Kugeln hält sich ja auch in Grenzen. Die stehen alle in der Bank in Annaberg – und das ist gut so.“

... über die Salzburger Festspiele: „Da will ich unbedingt hin, weil ich den Tobias Moretti sehen will. Es ist ausverkauft? Das werden die schon regeln.“ (lacht)

... über den Zeitpunkt des Rücktritts: „Der ist sicher nicht erfolgsabhängig. Jetzt fahre ich einmal dieses Jahr und danach schauen wir weiter. Ich gehe nicht nach Rekorden oder Sonstigem. Die Marke vom Hermann (Maier, 54 Siege, Anm.) ist auch kein Antrieb. Es wird nicht ein bestimmter Sieg das Ende meiner Karriere einleiten. Für mich geht es um das Grundgefühl. Sobald ich merke, es wird zur Qual, höre ich sofort auf.“