Von Mozart die Versöhnung lernen
„La clemenza di Tito“, bei den Salzburger Festspielen von Teodor Currentzis und Peter Sellars auf die Höhe unserer Zeit gehoben, brachte das Publikum zum Mitfühlen.
Von Ursula Strohal
Salzburg –Kaum ein Theater, das an der Flüchtlingskrise vorbeigeht, zu oft mit dem Ergebnis peinlicher Vorführung. Zur Operneröffnung der Ära Markus Hinterhäuser bei den Salzburger Festspielen gelang es zwei visionären Künstlern, die Themen Migration und Terrorismus, Verstehen und Verzeihen, Strafe und Milde in so klarer, vielgestaltiger und sensitiver Weise zwischen Nähe und Distanz darzustellen, dass sie das Publikum im Kern erreichten. Die Zustimmung war fulminant, Proteste gingen in Richtung Regie.
Mozart arbeitete 1791 wenige Monate vor seinem Tod zeitgleich an der „Zauberflöte“, die ein demokratisches Zeitalter anbrechen sieht, und als Huldigungsoper zur Krönung von Kaiser Leopold II. zum böhmischen König an „La clemenza di Tito“ (Die Milde des Titus). Ein Auftrag, den im Umfeld der Französischen Revolution der europäische Freimaurer Mozart auf seine Weise löste. Er ließ das Metastasio-Libretto – aus Liebe zur intriganten Vitellia zündet Titos Freund Sesto das römische Kapitol an – in Teilen umarbeiten, individualisierte die Personen auf seine wunderbare Weise und ersetzte neutrale Arien durch Ensembles, die die Gleichheit der Menschen betonen. Die politischen und vor allem psychologischen Antworten liegen in der Musik. Da die Kompositionszeit knapp bemessen war, überließ er die Rezitative einem Schüler.
Der als exzentrisch gefeierte griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis, der mit seinem Ensemble musicAeterna der Oper von Perm erstmals in Salzburg auftritt, und Starregisseur Peter Sellars denken und fühlen sich in Mozart ein und wandeln dessen Subtext, auf unsere Zeitproblematik gehoben, weiter fort. Kaiser Tito Vespasiano, der sich im ersten nachchristlichen Jahrhundert in Rom als historische Figur nach seiner Krönung vom Monster in einen gütigen Herrscher gewandelt haben soll, holt mit Sesto und Servilia ein Geschwisterpaar aus einem Flüchtlingscamp. Sesto wird sein Freund, Servilia will er sogar heiraten, doch sie zieht den Höfling Annio vor. Sesto, blutjung und blind verliebt wie Cherubino, lässt sich von der einst von Tito verlassenen Vitellia dazu hinreißen, das Kapitol anzuzünden. Tito, von Sesto seelisch wie körperlich tief verwundet, müsste die Terroristen hinrichten lassen, als Humanist und Aufklärer begnadigt er sie jedoch. „Nehmt mir entweder die Herrschaft oder gebt mir ein anderes Herz“, begründet er seine Willkommenskultur bis zuletzt – reißt sich im Krankenbett die Infusionsnadeln aus der Hand und stirbt.
Sellars assoziiert Tito mit dem Versöhnungswerk von Nelson Mandela, der sowohl im Widerstand als auch als südafrikanisches Staatsoberhaupt zum Sinnbild gemeinsamen Friedens wurde. Entsprechend sind alle Sängerdarsteller seines Kreises schwarz, und weiß Sesto, Servilia sowie die anderen Flüchtlinge, die zu Bürgern werden und nach dem terroristischen Akt für die Toten Kerzen und Blumen niederlegen. Die Bühne mit wenigen sich verändernden, zentral positionierten Stelen von George Tsypin lässt die Felsenreitschule im Übrigen unberührt.
Currentzis sucht mit Orchester und Chor, beide außerordentlich, Mozarts Seelenton. Suggestiv und kontrastreich, tieflotend und differenzierter in den Möglichkeiten, als die Regie es vermag, lebt die Musik, angereichert an bestimmten Stellen und Übergängen mit Teilen aus Mozarts c-Moll-Messe, Adagio und Fuge sowie der Maurerischen Trauermusik. Leben und Tod – eine Oper wird zum Requiem. Der knabenhaften Marianne Crebassa als zerrissener Sesto gehören die Höhepunkte, atemberaubend ihre Arien, „Parto“ in bewegendem Duett mit der Klarinette. Russell Thomas ist stark als Tito, sehr lyrisch die Vitellia der Golda Schultz, hochsensibel Jeanine De Biques Annio, sehr zart und jung Christina Ganschs Servilia, würdevoll Willard White als Publio.