Salzburger Festspiele - Mehr als „Tito“: Mozart deutet die Gegenwart

Salzburg (APA) - Die Menschen legen Blumen nieder, Stofftiere, Bilder der Opfer, zünden Lichtermeere an. Sie suchen einen Weg aus der Spiral...

Salzburg (APA) - Die Menschen legen Blumen nieder, Stofftiere, Bilder der Opfer, zünden Lichtermeere an. Sie suchen einen Weg aus der Spirale der Gewalt. Sie erheben ihre Stimmen zum „Kyrie“. Teodor Currentzis und Peter Sellars haben den Salzburger Festspielen eine neue „Clemenza di Tito“ bereitet, die weit über die Oper selbst hinausgeht. Die Premiere am Donnerstagabend endete in langen Standing Ovations.

Die erste Opernproduktion der Intendanz von Markus Hinterhäuser war mit großer Spannung erwartet worden, die sich nach glühenden Berichten aus den Proben bis zuletzt noch gesteigert hatte. Der russo-griechische Ausnahmedirigent Teodor Currentzis mit seinem Orchester musicAeterna ist für seine tiefschürfenden Mozart-Interpretationen berüchtigt, Peter Sellars verantwortete in der Felsenreitschule bereits legendäre Inszenierungen wie Messiaens „Saint Francois d‘Assise“.

Was die beiden, gemeinsam mit Orchester und Chor aus Currentzis‘ Wahlheimat Perm sowie mit einer erstklassigen Sängerriege, schließlich auf die Bühne brachten, war nicht nur eine außergewöhnlich musizierte „Clemenza di Tito“. Durch musikalische wie szenische Erweiterungen, vor allem um Chöre aus Mozarts c-moll-Messe und um eine kraftvolle heutige Bildsprache, erzählten sie eine große Parabel von Gewalt und Vergebung, die nicht so sehr Mozart deutet - sondern vielmehr Mozart unsere Gegenwart interpretieren lässt.

Dass die Choristen als Flüchtlinge inszeniert werden, der Attentäter Sesto mit Sprengstoffweste unterwegs ist und das Niederlegen von Blumen und Kerzen ikonografisch ist für die Terrorakte, die Europa in jüngster Zeit erschüttert haben, bedeutet dabei nicht viel mehr als eine Sehhilfe, einen Transponder in den Bilderbogen unserer Zeit. An der Falle, den Plot der Oper konkret ins Heute zu verlegen, schrammt Sellars immer wieder knapp vorbei - auch dabei assistiert ihm der fantastische Chor, der durch eine expressive Gestensprache auch in archaische Choreographien eingebunden ist. Aus dem Boden wachsende, gläserne Quader ordnen die Weite der Felsenreitschule und ermöglichen Gleichzeitigkeit, die Überzeitlichkeit suggeriert.

Mit den spirituellen Anleihen aus der c-moll-Messe erhebt sich die Oper rund um einen gütigen Kaiser und die Verstrickungen seiner Freunde und Feinde in ein Attentat auf sein Leben auf eine höhere Ebene. Hass und Gnade, die Macht und Ohnmacht der Güte, das Beharren auf dem Prinzip des Vertrauens und Verzeihens im Angesicht von Terror und Verrat - Mozart hat diese heute so aktuellen Themen in einer Weise chiffriert und zum Klingen gebracht, die bestürzt, die persönlich betrifft und die das Herz weit macht.

Dieser Magie Mozarts ist Teodor Currentzis so nahe gekommen wie schon lange keiner in Salzburg. Farbenprächtig und wirkmächtig, die Tempi bis zum Zerreißen gespannt, der aufrüttelnden Kraft des Leisen und der tiefen, präzisen Verneigung vor der kompositorischen Klarheit stets eingedenk, wählt Currentzis nicht einen, sondern mannigfache Wege durch eine Partitur, die er in jeder Note als metaphysisches Narrativ mit menschlichem Antlitz begreift.

Die Wucht des Opernabends verdankt sich vielen einzelnen Momenten, von denen zahlreiche auf das Konto von Marianne Crebassa als Sesto gehen. Die französische Sängerin beeindruckte mit der unbeugsamen Eleganz ihres warmen, manchmal auch herben Mezzo. Die „Parto, parto“ Arie avancierte zum Geniestreich: Als Duettpartner stellte ihr Sellars den Oboisten Maxim Khodyrev auf die Bühne und die Sängerin und der Instrumentalist tanzten und spielten den Widerstreit der Gefühle, den ihre Stimmen in der Musik so virtuos vollführen. Eine Brandung von Szenenapplaus.

Berührende Momente konnten auch Russell Thomas als Tito und Golda Schutz als Vitellia verbuchen, als flehendes Liebespaar Servilia und Annio bereicherten Christina Gansch und Jeanine De Bique das Ensemble. Zum Schlussapplaus stellten sich die Solisten dem Publikum nur als Gruppe - und wurden mit minutenlangem Jubel und Getrampel gefeiert. Vereinzelte Buhs für Peter Sellars‘ Regie gingen in diesem Getöse nicht ganz unter, einhellige Begeisterung gab es für den vorprogrammierten Star des Abends, Festspieldebütant und Mozart-Flüsterer Teodor Currentzis.

(S E R V I C E - „La Clemenza di Tito“ von Wolfgang Amadeus Mozart, musikalische Leitung: Teodor Currentzis, Regie: Peter Sellars; mit Russell Thomas, Golda Schultz, Christina Gansch, Marianne Crebassa; musicAeterna of Perm Opera, musicAeterna Choir of Perm Opera, weitere Vorstellungen am 30. Juli, 4., 13., 17., 19. und 21. August, Felsenreitschule. ORF-Ausstrahlung am 4. August um 21:20 in ORF 2. www.salzburgerfestspiele.at)