Regisseurin Petra Volpe 2: Schweiz ist nach wie vor sehr konservativ

Wien (APA) - APA: In Ihrem Film werden auch Männer als Opfer dieser starren Geschlechterrollen gezeigt und Noras Antagonistin ist eine Frau,...

Wien (APA) - APA: In Ihrem Film werden auch Männer als Opfer dieser starren Geschlechterrollen gezeigt und Noras Antagonistin ist eine Frau, die die Antistimmrechtsbewegung anführt. Gab es damals viele Frauen, die sich gegen das Stimmrecht engagiert haben?

Petra Volpe: Dass der Antistimmrechtsverein vor allem von Frauen angeführt wurde, war einer der überraschendsten Aspekte bei der Recherche. Das waren vor allem bürgerliche, materiell eher wohlgestellte, gebildete Frauen - Apothekerinnen, Ärztinnen, Anwältinnen -, die sich wirklich auf die Fahnen geschrieben haben, die Rolle der Frau zu verteidigen. Ihr Grundsatz war: Die Frau hat eine gottgegebene Rolle in der Gesellschaft und die hat ihren Wert; und wenn man sagt, sie müsse mehr tun als das, wertet man die Frau eigentlich ab. Sie haben so eine perverse Umkehrung formuliert. Zudem hieß es, die Politik sei etwas Schmutziges, und die Frau dürfe nicht beschmutzt werden, weil sie für Familie und Frieden zuständig ist. Der andere Argumentationsstrang war biologistisch, das hört man ja heute auch immer wieder: Da gab‘s dann Untersuchungen von einem Professor, der meinte, das Gehirn der Frau sei kleiner, sie sei körperlich nach innen gerichtet, sei nur für das Emotionale und Nähren der Familie fähig.

APA: Schockiert es Sie, dass solche Argumente bis heute nicht verstummt sind, die Gleichberechtigung noch nicht vollends erreicht ist?

Volpe: Als ich angefangen habe zu recherchieren, war ich insgesamt schockiert. Es hat mir vor Augen geführt, wie zäh es mit der Gleichberechtigung vorangeht. Klar, es wurde viel erreicht, ich kann ein anderes Leben führen als meine Mutter und meine Großmütter. Aber wenn man sich ansieht, was schon die frühen französischen Feministinnen gefordert haben und wo wir heute stehen, sind viele dieser Dinge nach wie vor nicht gelöst. In der Schweiz bekommen wir nicht mal die Lohngleichheit auf die Reihe, geschweige denn die Rollenbilder, in denen Männer und Frauen gefangen sind. Das ist so tief verankert, wie auch der Sexismus in der Gesellschaft. Was man Frauen zutraut und was nicht, ist auf einer viel tieferen, untergründigen, subtileren Ebene - manchmal weniger subtil, wie in der Werbung, wo man jeden Schokoriegel mit einem nackten Frauenarsch verkauft. Ich bin auch immer wieder entsetzt, was für ein Krieg gegen den Körper der Frau geführt wird.

APA: Noras Schlüsselmoment im Film ist die Erkenntnis, dass das Private politisch ist - und die weibliche Lust der Schlüssel zur Befreiung. Macht genau der Aspekt die Geschichte so universell über die Schweiz hinaus?

Volpe: Ja, aber auch, weil es um Demokratie und Zivilcourage, zwei hoch aktuelle Themen, geht. Nora ist eine Figur, mit der man sich identifizieren kann, weil sie diesen Weg geht. Jeder kann aufstehen und kämpfen, und wenn es nur in der eigenen Familie oder Arbeit ist. Zu sagen „Schluss damit!“ ist schon ein großer politischer Akt. Ich habe den Eindruck, gerade die Amerikaner sind sehr hungrig nach solchen Vorbildern.

APA: Wie ist die Figur der Nora entstanden, basiert sie auf realen Vorbildern?

Volpe: Die Idee, einen Film über das Frauenstimmrecht zu machen, ist ja eine sehr konzeptuelle Idee. Es hat mich eingeschüchtert, weil ich eine Hommage an diese Frauen schreiben wollte. Ich habe lange recherchiert, viele Frauen getroffen und Bücher gelesen. Nora ist inspiriert von einer Notiz, die ich in einem Archiv gefunden habe. Die Antisuffragetten haben Einzahlscheine verteilt, um Geld für ihre Vereine zu sammeln, und eine Frau hat so einen Schein zurückgeschickt und darauf geschrieben, sie sei eine junge Hausfrau und Mutter und fände es eine unglaubliche Schweinerei, dass Frauen andere Frauen daran hindern wollen abzustimmen. Und das würde sie nun dazu bewegen, selbst politisch zu werden. Diese Stimme aus der Vergangenheit hat mich wahnsinnig berührt. Die Figur ist weder glücklich noch unglücklich, steht mitten im Leben und merkt plötzlich, dass da etwas nicht stimmt, und kommt in Bewegung. Das kann jede von uns sein.

APA: Wie hat sich die feministische Bewegung in Ihren Augen verändert?

Volpe: Ich glaube, der Feminismus bewegt sich gerade in eine neue Phase. Inklusion ist ein großes Thema. Das ist nicht nur eine weiße intellektuelle Bewegung, sondern auch eine der arbeitenden Frauen, der Schwarzen und der Migrantinnen. Ich glaube, dass sich viele Frauen mit den weißen, intellektuellen Feministinnen nicht identifiziert konnten oder nicht gemerkt haben, dass die auch für ihre Rechte kämpfen. Da muss man ansetzen. Mich freut extrem, dass sich seit ein paar Jahren die Jungen wieder trauen zu sagen, dass sie Feministinnen sind. In meiner Generation haben sich viele abgegrenzt. Feministin zu sein hieß, „unfuckable“ zu sein. Wie soll man sich dagegen wehren, wenn man gesagt bekommt: Ihr habt keinen Humor, seht nicht gut aus, seid nicht sexy. Das hat eine große Macht in einer Gesellschaft, in der Frauen vor allem nach ihrem Aussehen bewertet werden. Nun fangen Frauen an, sich diesem Schönheitsideal und der Rolle als Objekt zu verweigern. Ich habe eine leise Hoffnung, dass sich da bei den Jungen was regt.

APA: Bezieht sich Ihre Hoffnung auch auf die Filmbranche und darauf, dass Geschichten von und über Frauen dank Publikumserfolgen wie Ihrem als gewinnbringend angesehen und gefördert werden?

Volpe: Das ist natürlich die Hoffnung. Aber es gab und gibt immer wieder Filme, die von Frauen erzählen und wahnsinnig erfolgreich sind, und trotzdem hat sich nichts verändert. Es gibt einfach Leute, die ihr Stück Kuchen verteidigen, die nicht teilen wollen, sehr verhärtete Bilder haben und es noch immer nicht begreifen. Es geht auch um Macht und Geld. Das finde ich frustrierend, denn der Beweis, dass es funktioniert, wurde schon lange erbracht. Es gibt jetzt viele Frauen, die sich zusammentun: Ich bin bei den Film Fatales in Amerika, bei den Swans in der Schweiz, bei Pro Quote Regie in Deutschland. Und wir sagen: Es reicht! Wir wollen die Hälfte des Kuchens!

(Das Gespräch führte Angelika Prawda/APA.)

(ZUR PERSON: Petra Volpe, 1971 in Suhr geboren, studierte Kunst in Zürich und später Dramaturgie und Drehbuch an der Filmhochschule Konrad Wolf in Potsdam. Seit ihrem Diplomabschluss im Jahr 2003 ist sie als freischaffende Drehbuchautorin und Regisseurin tätig, 2013 feierte sie mit ihrem Spielfilmdebüt „Traumland“ Erfolge. Zuletzt steuerte sie für „Heidi“, der kitschfreien Neuverfilmung von Alain Gsponer, das Drehbuch bei.)

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