Festspielfinale

Von himmlischen Sphären

Hat der Muttergottes eine russische Seele eingehaucht: der Chor der Tirole­r Festspiele Erl.
© Hauser

Großes Chorkonzert zum Festspielfinale Erl, russisches Pathos inklusive.

Erl –Mit Anton Bruckners, Giulio Caccinis und Franz Schuberts „Ave Maria“ gleich dreimal der Muttergottes gehuldigt und fast in himmlische Sphären vorgedrungen sind die Chorsängerinnen und -sänger der internationalen Chorakademie Accademia di Montegral der Tiroler Festspielen Erl am Donnerstagabend im Festspielhaus. Um in den erlauchten Kreis der himmlischen Chöre einzugehen, bedarf es nicht nur des guten Willens. Aus streng religiöser Sicht zählt der gute Wille ja für das Werk, aber mit irdischen Maßstäben gemessen, ist es ausschließlich die Qualität des Tuns, welche im irdischen Dasein Ansprüche für das Jenseits sichert. Da sind die Sänger einer Chor- akademie gegenüber Profi­chören wahrscheinlich im Vorteil.

Euphorie, Begeisterungsfähigkeit, sich innerhalb von ein paar Wochen beweisen zu wollen und zu müssen, da bleibt glatte Routine außen vor. 13 Stücke aus Sergej Rachmaninovs „Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomus“ zum Konzertauftakt forderten höchste Konzentratio­n. Es ist ein ungewöhnliches Werk, das von der exakt kalkulierenden Klangorganisation des Dirigenten und von seiner luziden Steigerungs­dramaturgie lebt.

Pawel Sopot als Musikalischer Leiter realisierte dies auf beeindruckende Art und Weise. Rachmaninows orthodoxes Gegenstück zum katholischen Ordo missae ist stark an der Tradition orientiert. Das von tiefer Schwermut definierte Werk ist von erstaunlicher kompositorischer Bruchlosigkeit. Nicht weniger stimmmächtig und beseelt von authentisch russischem Timbre erklangen die Volkslieder „Hinunter zum Mütterchen, zur Wolga“, „Ich kann ja nichts dafür, dass ich ihn so liebe“ bzw. Walerij Kalistratows „Chorovod“, Alexandr Trofimowitsch Obuchovs „Gartentür“ und „Die Besen“. Mit Tomaso Albinonis arrangiertem „Adagio“ wurde Weihnachten in den Sommer vorverlegt und der Beweis angetreten, dass mit russischem Timbre Schmalz noch schmalziger klingt. Große Stimmen in den Tiefen, lichter Klang in den Höhen, dynamische Elastizität, so hörte man Dmitry Schostakowitschs Romanze aus dem Kinofilm „Die Bremse“, den „Herbsttraum“ von Archibald Joyce und Orlando di Lassos „Echo“. (hau)