Familienaufstellung hinterm Gartenzaun
Wenn die Liebe hinfällt: „hamlet ist tot. keine schwerkraft“ wird bei den Tiroler Volksschauspielen in Susi Webers Regie zum heftigen Theatertrip.
Von Christiane Fasching
Telfs –Hannes ist tot. Hamlet auch. Wobei das mit Hamlet keine Neuigkeit mehr ist. Das mit Hannes schon. Sein Vater hat ihn erschossen. Und die Waffe danach bei sich selbst angesetzt. Weil er geahnt hat, dass es da in Wahrheit einen anderen Vater gibt.
Aber das ist nicht das einzige Drama, das Ewald Palmetshofer in seinem Stück „hamlet ist tot. keine schwerkraft“ aufrollt. Ja, alles kleingeschrieben – umso größer sind die Tragödien, die sich hinter dem Maschendrahtzaun abspielen, der ein klitzekleines Rasenstück umspannt, das überall liegen könnte. Im aktuellen Österreich, im antiken Griechenland oder in einem düsteren Shakespeare-Universum – nur hießen die Protagonisten dann nicht Dani und Mani, Bine und Oli, Kurt und Caro. Fein säuberlich aufgefädelt sitzen sie da, als ob sie Regisseurin Susi Weber zu einer Familienaufstellung bestellt hätte. Man merkt gleich: Hier liegt vieles im Argen, hier gibt’s weder Glück noch Segen, selbst wenn beides zunächst noch stur herbeigesummt wird. „Die Alten feiern Geburtstag und die Jungen gräbt man ein“, raunzt Mutter Caro (Ute Heidorn) und wünscht ihrer eigenen Mutter den Tod zum 95. Geburtstag. Gedanklich hat sie schon längst eine Schnur gespannt, über die „die alte Sau“ ja stolpern könnte.
Vater Kurt (Klaus Rohrmoser) sehnt indes großspurig einen Systemwechsel herbei, noch viel lieber würde er aber das „Vögeln neu erfinden“. Die Geschwister Dani (Sinikka Schubert) und Mani (Johannes Gabl) scheinen diesen Systemwechsel schon vollzogen haben – bei ihnen fiel die Liebe nie wo hin, sondern immer nur um. Und jetzt teilen sich halt das analytische Brüderchen und das verbitterte Schwesterchen das Bett. Nein, nicht geschwisterlich.
Dabei wäre Dani ja so gern mit Oli (Markus Oberrauch) in die Unendlichkeit vorgedrungen, der feinstoffliche Spießer hat ihr aber die hysterische Bine (Michaela Schmid) vorgezogen – und die findet das toll. Echt total. Und geht jetzt mit Dani auf einen Kaffee … Palmetshofers Sprache lebt von Brüchen, von Auslassungen und Wiederholungen, von dunkler Derbheit und von bitterbösem Witz. Und diese Mischung kocht seit Freitag bei den Tiroler Volksschauspielen auf: Auf die Bühne des Rathaussaales hat Luis Graninger eine gräserne Insel der Unseligkeit gepflanzt – hier sprießen Ehebruch, Mord und Inzest und wird ein vielschichtiges Familienunglück seziert, das nicht mehr therapierbar ist.
Immer wieder öffnen die Protagonisten das Gartentor und treten vor an den Bühnenrand, ergehen sich in Wortkaskaden, die wie ein verbaler Gewitterregen auf einen niederprasseln. Dem sprachlichen Sturm begegnet das fast schon erschreckend starke Ensemble mit einer Spielkraft, die einen in den Sitz drückt. Wen soll man herausheben? Alle. Und Sinikka Schubert noch ein bisschen mehr. In diesem verrückten Setting spielt sie sich um den Verstand. Toll. Echt total, würde die Bine sagen.
Aber man sei auch gewarnt vor diesem Theatermonster, das in seiner verbalen und inhaltlichen Brutalität sicher nicht jedem gefällt. Mit der ungeliebten Oma sollte man es auf keinen Fall besuchen. Könnte sein, dass die das in den falschen Hals bekommt.