Zivilcourage in Venezuela: Mit Musik gegen Tränengas und Wasserwerfer

Caracas (APA/AFP) - Zwischen Tränengas und Wasserwerfern steht ein junger, schlanker Mann auf der Straße, die gelb-blau-rote Fahne Venezuela...

Caracas (APA/AFP) - Zwischen Tränengas und Wasserwerfern steht ein junger, schlanker Mann auf der Straße, die gelb-blau-rote Fahne Venezuelas um sich gewickelt, und spielt Geige. Gegen Chaos und Gewalt, die das südamerikanische Land seit Monaten im Griff haben, setzt Wuilly Arteaga seine Musik. Für die Gegner von Präsident Nicolas Maduro ist der 23-Jährige zur Ikone geworden. Dabei riskiert der Musiker immer wieder sein Leben und seine Freiheit.

Am Donnerstag wurde er während einer Kundgebung festgenommen, wie die Nichtregierungsorganisation Foro Penal berichtete. Arteaga sitzt demnach in einem Gefängnis der Nationalgarde im Westen von Caracas ein. Wie gefährlich die Teilnahme an den Protesten gegen Maduro ist, bei denen seit Anfang April mehr als hundert Menschen getötet wurden, musste Arteaga bereits vor wenigen Tagen am eigenen Leib erfahren. Bei einer Demonstration wurde er von Schrotkugeln im Gesicht getroffen, blutüberströmt wurde der junge Mann ins Krankenhaus gebracht.

Vom Krankenbett aus sandte Arteaga eine entschlossene Botschaft. Die Violine fest umklammert, mit einem Verband um den Kopf und geschwollenen Lippen sagte er in einem via Twitter verbreiteten Video: „Ich lasse mich nicht einschüchtern. (...) Wir werden den Kampf fortsetzen.“ Dann setzte er den Bogen an und spielte ein Lied - im Internet überschlugen sich die Nutzer vor Bewunderung für den unerschrockenen jungen Mann.

Anfang Mai wurde Arteaga landesweit bekannt, als er auf der Beerdigung eines anderen jungen Musikers spielte, der bei den Protesten getötet worden war. „Ich hatte große Angst, weil ich dachte, dass nicht einmal die Musik die Macht hat, die Leute zu stoppen und zum Nachdenken zu bringen“, sagte er damals AFP. „Aber ich habe den Friedhof verlassen und bin noch stärker zur nächsten Demonstration gegangen.“

Wenig später wurde der junge Mann mit seiner Botschaft des Friedens auf Fotos verewigt, als er bei einer Kundgebung in der von Tränengas geschwängerten Luft seine Violine nahm und das Volkslied „Alma Llanera“ spielte.

Wie sehr die Venezolaner Anteil an seinem Schicksal nehmen, zeigte sich einige Wochen später: Da vergoss Arteaga bittere Tränen, nachdem ein Soldat seine Geige zerstört hatte. In den sozialen Netzwerken bildete sich alsbald eine Welle der Solidarität, der Bewegung schlossen sich internationale Stars wie die kolumbianische Popsängerin Shakira und der US-Musiker Marc Anthony an. Mit den Spenden seiner Unterstützer konnte sich Arteaga eine neue Violine kaufen.

Geboren in Valencia im Norden des Landes, lernte Arteaga als Teilnehmer eines nationalen Förderprogramms für Kinder aus schwierigen Verhältnissen das Geigespielen. Der wohl berühmteste Absolvent des Programms El Sistema ist der Stardirigent Gustavo Dudamel.

Binnen weniger Monate hat sich Arteagas Leben radikal verändert. Früher verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit Straßenmusik. Inzwischen trat er auf Einladung von Nichtregierungsorganisationen in den USA auf, wo er auch den Hauptsitz der Vereinten Nationen besuchte.

„Ich weiß, dass ich ein Niemand bin“, äußerte der 23-Jährige bescheiden auf seiner Reise. Doch gab er sich entschlossen, seinen Beitrag für ein anderes Venezuela zu leisten: „Ich werde alles tun, damit Venezolaner wie ich wieder in Frieden in unserem Land leben können.“