Salzburger Festspiele: Gustav Mahler und ein großer alter Mann

Salzburg (APA) - Bernard Haitink ist sage und schreibe 88 Jahre alt. Als der niederländische Dirigent gestern, Freitag, Abend, mit eindrucks...

Salzburg (APA) - Bernard Haitink ist sage und schreibe 88 Jahre alt. Als der niederländische Dirigent gestern, Freitag, Abend, mit eindrucksvoller Gelassenheit ans Pult der Wiener Philharmoniker schritt, konnte jedem Besucher im Großen Festspielhaus klar sein, dass eine Sternstunde mahlerscher Symphonik dämmerte. Eineinhalb Stunden später brach Jubel aus.

Gustav Mahler zieht sich wie ein roter Faden durch das riesige Platten-Oeuvre des Dirigenten. Bereits im Jahr 1972 hatte Haitink zusammen mit dem Concertgebouworkest eine Box mit allen neun monumentalen Orchesterwerken des Komponisten herausgebracht. In den Jahrzehnten danach folgte eine Mahler-Einspielung auf die andere mit den bedeutendsten Klangkörpern der Welt, darunter die Berliner Philharmoniker und das Chicago Symphony Orchestra. Und die nun präsentierte Festspiel-Begegnung mit den Wiener Philharmonikern, die auf keiner Platter verewigt ist, verlief bedeutungsschwanger und beinahe ultimativ.

Haitinks Bewegungen waren minimal. Die Finger ein wenig zittrig und doch „sprechend“ und ausdrucksstark, konzentrierte er sich gestisch auf das Wesentliche. Die Tempi waren selbst für seine Verhältnisse langsam. Haitinks 9. Symphonie des Jahres 1972 dauerte 82 Minuten, gestern zelebrierte er Mahlers Spätwerk mehr als 90 Minuten lang. Von langatmig konnte dennoch keine Rede sein.

Die Philharmoniker, die dieses Werk ein Jahr nach Mahlers Tod (1912) uraufgeführt hatten, haben die innere Gespanntheit dieses großen alten Mannes wahrgenommen und auf ihre Instrumente projiziert. Und zugleich haben die Musiker die ruhige Zurückhaltung des Maestros richtig gedeutet und niemals laut oder allzu wuchtig gespielt. Auch die Tempoänderungen wirkten nicht abrupt, sondern organisch fließend. Nicht alle kleinen Streichermotive, Bläsereinwürfe oder Schlagwerkakzente waren makellos präzis zu vernehmen. Aber die wohldosierte Geschlossenheit sowie die Ausgewogenheit in Klang und Rhythmus machten dieses Gipfeltreffen mit der von Adorno als „Wendepunkt der symphonischen Geschichte“ bezeichneten „Abschieds-Symphonie“ von Gustav Mahler zu einem nachklingenden Erlebnis.

(S E R V I C E - www.salzburgerfestspiele.at)