ImPulsTanz: „A Love Supreme“ als Solo für Quartett
Wien (APA) - Wie man zeitgenössisches Tanztheater bis auf das Skelett minimalisiert, auf den Kern herunterschält und jegliches Ornament aus ...
Wien (APA) - Wie man zeitgenössisches Tanztheater bis auf das Skelett minimalisiert, auf den Kern herunterschält und jegliches Ornament aus dem Geschehen verbannt - diesem Ideal folgt Belgiens Tanzkönigin Anne Teresa De Keersmaeker seit Jahrzehnten. Mit ihrer Neuinterpretation der Jazzparaphrase „A Love Supreme“ gemeinsam mit Salva Sanchis hat sie dies beim Wiener ImPulsTanz nun auf die Spitze getrieben.
Platziert ist das auf John Coltranes epochalem Jazzklassiker aus 1964 basierende Stück im Nicht-Raum der Volkstheater-Bühne, die schwarz bleibt, völlig entkleidet und kaum beleuchtet - ein Raum, der sich so zurücknimmt, dass er nicht einmal seine Leere ausstellt. Fokussiert ist mithin alles auf die vier Performer Jose Paulo dos Santos, Bilal El Had, Jason Respilieux und Thomas Vantuycom, die im schwarzen Existenzialistenoutfit zunächst in dröhnender Stille den Raum betreten.
Wie oft bei De Keersmaeker gänzlich ohne Musik, beginnen die vier ihren Taumel, zunächst im Quartett. Alsbald löst sich diese anfängliche Vierergemeinschaft jedoch auf. Jeder Tänzer ist in seinem Rhythmen isoliert, verlässt schließlich die Bühne, bis alleine Vantuycom überbleibt - und steht. Sich wendet. Und steht. Sehr lange. Hier wird das kurze Gehen zur nächsten Stehposition schon zum Ereignis. Eigentlich ist Tanz meist Bewegung zu Musik. Hier gibt es keine Musik. Und keine Bewegung. Minimalistischer, fokussierter kann Tanztheater nicht sein. Auch nicht ernsthafter. Und in gewissem Sinne trostloser.
Gerade dann, als das Publikum, ausgehungert nach einem anderen Klang als dem Schrammen der Füße über den Bühnenboden, beginnt, durch instinktives Husten Spannung abzubauen, setzt Coltranes vierteilige Jazzsuite ein. Und alsbald schält sich jenes Konzept heraus, das De Keersmaeker und Sanchis ihrer Überarbeitung eines Erstversuchs aus 2005 gegeben haben: Jeder der vier Tänzer ist gleichsam Tanzpartner eines der Instrumente des Coltrane-Quartetts. Analog zum libertinären Jazzensemble interpretieren die vier Performer ihren Part entsprechend frei, scheinbar unabhängig voneinander, ohne direkten Bezug zum Gegenüber. Die Bewegungsmuster bleiben in diesem Solo für Quartett autark. Die eigentlichen Tanzpartner sind das aus dem Off schallende Schlagzeug, der Kontrabass, das Klavier oder eben Coltrane am Saxofon.
Nur in seltenen, kurzen Momenten spiegeln sich die Bewegungen, wobei abseits dieser dramaturgischen Knotenpunkte unklar bleibt, wo die Improvisation der Darsteller endet und die choreografische Vorgabe beginnt - auch hier eine Parallele zum Avantgardejazz eines John Coltrane. Erst im Finale, dem Satz „Psalm“, wird der Bogen zum Anfang geschlagen. Wenn sich die Musik am deutlichsten hin zur Spiritualität, zum fernöstlichen Spiritismus öffnet, finden auch die Darsteller wieder zueinander, heben sich, adressieren den Himmel, ein Höheres. Klarer als De Keersmaeker und Sanchis kann man Jazz nicht ins Medium der Bewegung transponieren.
(S E R V I C E - Salva Sanchis und Anne Teresa de Keersmaeker/Rosas: „A Love Supreme“ im Rahmen des ImPulsTanz im Volkstheater, Arthur-Schnitzler-Gasse 1, 1070 Wien. Mit Jose Paulo dos Santos, Bilal El Had, Jason Respilieux und Thomas Vantuycom. Weitere Aufführung am 30. Juli 2017. www.impulstanz.com/performances/2017/id1131/)