Olympia: IOC-Präsident Bach:“Unsere Wurzeln einmal gießen und düngen“
Wien (APA) - Thomas Bach (63), der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), ist am Samstag zu Gast bei der Beach-Volleyball...
Wien (APA) - Thomas Bach (63), der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), ist am Samstag zu Gast bei der Beach-Volleyball-WM auf der Wiener Donauinsel gewesen. Der deutsche Sportfunktionär und ehemalige Fechter stellte sich zuvor den Fragen einer kleinen Medienrunde und nahm zu diversen Themen Stellung.
Thomas Bach über:
Stand der Vorbereitungen auf die Winterspiele 2018 in Pyeongchang: „In technischer Hinsicht laufen die Vorbereitungen sehr gut, die Testbewerbe waren alle sehr vielversprechend, die Athleten waren zufrieden. Das Olympische Dorf ist wirklich sehr ansprechend und nicht nur für die Athleten gut, sondern auch für die Organisatoren. Alle Wohnungen sind bereits seit Monaten verkauft, das Dorf ist voll refinanziert und trägt zum positiven Ergebnis bei. Insofern stehen alle Ampeln auf Grün. Auf der anderen Seite beobachten wir natürlich sehr sorgfältig die politische Entwicklung auf der koreanischen Halbinsel. Wir sind im Gespräch mit allen beteiligten Ländern und Regierungen und haben auch in diesem Zusammenhang das Nordkoreanische Nationale Olympische Komitee zur Teilnahme an diesen Spielen eingeladen.“
Änderungen für den Bewerbungsprozess für 2026: „Ausgangslage dieser grundlegenden Veränderungen und dieser Weiterentwicklung im Bewerbungsverfahren im Sinne der Olympischen Agenda 2020 war die Erkenntnis, dass wir jetzt mit Sotschi, Pyeongchang und Peking dreimal in Folge Olympische Winterspiele in vollkommen neuen Wintersportdestinationen haben. Wir sind der festen Überzeugung, dass es an der Zeit ist, 2026 in eine traditionelle Wintersportdestination zurückzukehren. Es ist immer gut, sich Neuem zu öffnen, auch dem Wintersport die Gelegenheit zu geben, sich neue Märkte und Regionen zu erschließen, aber man muss auch seine Wurzeln pflegen. Nach dreimaligen Neupflanzungen glaube ich ist es ganz gut, wenn wir 2026 unsere Wurzeln wieder einmal gießen und düngen würden.“
Rolle des IOC bei künftigen Bewerbungsprozessen: „Das war einer der wesentlichen Beweggründe für die Änderung des Bewerbungsverfahrens, das eine stärkere proaktive Rolle des IOC vorsieht. Dass es uns auch erlaubt, auf potenzielle Bewerber zuzugehen und es diesen schon in der Vorphase der formellen Bewerbung erlaubt, auf das Know-how, die Expertise des IOC Zugriff zu nehmen und damit gemeinsam eine gute und nachhaltige Bewerbung zu entwickeln. Das ist mit erheblichen Kosteneinsparungen verbunden, wenn die potenziellen Bewerber diese Möglichkeit in Anspruch nehmen.“
Potenzielle Bewerbung von Innsbruck 2026: „Eine Bewerbung, ohne neue Sportstätten zu bauen, ist eine, die voll im Einklang mit der Agenda 2020 steht, die gerade das fördert. Ein Bewerber sollte zuerst Ausschau halten nach bestehenden Sportstätten, wenn die nicht ausreichen, ist zu prüfen, ob ein Neubau nachhaltig ist. Wenn nicht, dann sollte die nächste Prüfungsstufe sein, ob eine temporäre Lösung machbar ist. Wenn das nicht der Fall ist und sich bestehende Sportstätten außerhalb der Stadt oder Region anbieten, dann sollten die genützt werden. Wie das vom IOC positiv bewertet wird, sehen Sie an der Doppelvergabe, die wir in Lima für 2024, 2028 vorhaben. Die Bewerbungsverfahren sind voll unter der Agenda 2020 gestanden. Beide Bewerber, Paris und Los Angeles, haben eine Rekordzahl an bestehenden Sportstätten angeboten. Das war in dieser Dimension vorher nicht da bei Olympischen Spielen, das führt auch zu den entsprechenden Kostenreduzierungen oder Vermeidung von Kostensteigerungen.“
Doping-Nachhall von Sotschi 2014 und Teilnahme von Russland 2018 an den Winterspielen in Südkorea: „Wir haben zwei Kommissionen, eine unter der Leitung des früheren Schweizer Bundespräsidenten Samuel Schmid, die andere unter der Leitung von Denis Oswald, die sich mit diesen Fragen beschäftigen. Auf der einen Seite geht es um die Auswertung der systematischen Manipulation des Anti-Doping-Systems in Russland, die Schmid-Kommission hat die Frage zu beantworten, wer trägt hier welche Verantwortung. Basierend auf dieser Auswertung wird zu entscheiden sein, welche Folgen das hat. Die Oswald-Kommission hat zu beleuchten, welche Athleten von den Manipulationen profitiert haben. Hoffentlich haben wir vor Beginn der Wintersportsaison Klarheit, ob von diesen 28 Athleten, die im Bericht von Sotschi genannt sind, Suspensionen möglich und erforderlich sind.“
In wie weit die Agenda 2020 in Tokio 2020 schon erfüllt wird: „Die Bewerbung von Tokio ist vor der Olympischen Agenda gewählt worden, die Einwirkungsmöglichkeiten waren nur beschränkt. Aber nach der Wahl der neuen Gouverneurin von Tokio hat diese eine Expertengruppe einberufen, die die Kosten der Spiele noch einmal neu evaluieren sollte. Diese Gruppe kam zu dem Ergebnis, dass die Spiele angeblich 30 Milliarden (Euro/Anm.) kosten würden. Daraufhin haben wir eine Arbeitsgruppe unter Leitung des IOC einberufen, weil wir gesagt haben, das ist unter keinen Umständen akzeptabel. Von den 30 Milliarden ist man auf Kosten einschließlich aller Infrastrukturmaßnahmen inklusive Fukushima und all dem, was dort passieren soll, auf etwa 14 Milliarden gekommen, wobei die Einnahmen dort nicht berücksichtigt sind.“
Neue Sportarten in Tokio: „Wir müssen unsere Vorgaben der Agenda einhalten, wir müssen Modernisierung und Limitierung auf einen Nenner bringen und dabei auch die Belastung für das Organisationskomitee berücksichtigen. Trotz der fünf neuen Sportarten können wir von einer geringeren Teilnehmerzahl als in Rio ausgehen, die Zuteilung der Quoten ist sorgfältig erfolgt. Wir haben die Sportarten auf der Basis eines Vorschlags des Organisationskomitees aufgenommen, es musste uns sagen, dass es die zusätzlichen Sportarten stemmen kann. Ich denke, dass wir mit den Programmergänzungen für Tokio die Ziele erreicht haben, die für die Zukunft des Sports von entscheidender Bedeutung sind. Nämlich die Spiele urbaner zu machen, der Sport muss mehr dorthin gehen, wo die Menschen sind, wir müssen insbesondere die jungen Menschen mitnehmen. Zweitens ist das Programm jünger geworden und drittens ist es weiblicher geworden. Wir werden bei etwa einem Anteil von 49 Prozent landen.“
Die gestiegenen Sicherheitskosten für Olympische Spiele: „Generell, wenn wir unseren Lebensstil, unsere Kultur an Sicherheitskosten orientieren, dann haben die Terroristen gewonnen. Und das darf nicht passieren. Sie haben gesehen, auf welche eindrucksvolle Art und Weise Paris und Frankreich auf den Terror reagiert haben, nämlich in einer Betonung des westlichen Lebensstils und der westlichen Werte, mit der erfolgreichen Organisation auch von großen Sportereignissen wie der EURO beispielsweise. Das muss die Antwort sein. Wir müssen für unsere Werte, unsere Kultur einstehen und sie deutlich machen und dürfen das nicht den Terroristen überlassen, unseren Lebensstil zu bestimmen.“
(Aufgezeichnet von Birgit Egarter/APA)