LA: Weißhaidinger soll bei WM „unauffällig“ ins Finale kommen
Wien/London (APA) - Eine konstant starke Saison, ein erwarteter kleiner Formeinbruch, ein wie erhofft erfolgsversprechender Neuaufbau: Lukas...
Wien/London (APA) - Eine konstant starke Saison, ein erwarteter kleiner Formeinbruch, ein wie erhofft erfolgsversprechender Neuaufbau: Lukas Weißhaidinger wird am Mittwoch topvorbereitet zur Leichtathletik-WM nach London reisen und versuchen, dort am Samstag seinen überraschenden sechsten Olympia-Rang aus dem Vorjahr zu bestätigen. Der Diskus-Riese geht allerdings unter komplett veränderten Vorzeichen an den Start.
Vor den Sommerspielen in Rio kämpfte Weißhaidinger mit einer Fußverletzung, er setzte alles auf die Qualifikation und marschierte mit der zweitbesten Leistung ins Finale. Dort wurde es der beachtenswerte sechste Rang. Dieses Mal ist alles anders. Der Oberösterreicher gewann fünf seiner neun absolvierten Meetings, kam heuer neun Mal über 65 m, kratzte mit 66,52 m an dem von ihm gehaltenen ÖLV-Rekord von 67,24 m (2015) und ist Achter der Jahresweltbestenliste.
Aber auch er muss erst einmal durch die Quali - wie auch der Schwede Daniel Stahl, der Jamaikaner Fedrick Dacres, der Litauer Andrius Gudzius, der Belgier Philip Milanov, der Pole Robert Urbanek oder der Deutsche Robert Harting. Dessen Bruder, Rio-Olympiasieger Christoph Harting, scheiterte überhaupt an der Startberechtigung für London. WM-Titelverteidiger Piotr Malachowski aus Polen ist nur Zehnter der Jahreswertung.
„Es gibt für keinen eine Planungssicherheit in der Quali. Du hast drei Versuche und musst unter die besten zwölf kommen. Wenn der erste nichts wird, musst du trotzdem die Coolness haben, im zweiten nochmals dasselbe zu probieren. Im dritten ist eh alles wurscht, da musst alles riskieren“, sagte Weißhaidinger im APA-Interview. „Für mich ist neu, wieviel Prozent ich in die Quali lege, ohne dass es in die Hose geht.“
Trainer Gregor Högler hat so seine Wunschvorstellung. „Am besten wäre es, unauffällig ins Finale zu kommen, als Zehnter, das wäre mein Traum. Aber nicht wie voriges Jahr als Zweiter, das ist eine Katastrophe. Klar war er auch im Finale top, aber mir wäre lieber, er wirft 63 und dann im Finale 67 und macht eine Medaille.“ Das Potenzial, alles gleich im ersten Quali-Wurf zu erledigen, hätte Weißhaidinger. „Aber er soll ja auch nicht Rekord werfen. Dann sagt jeder, er ist der Favorit. Und der gewinnt sicher nichts, das ist immer so.“
Weißhaidinger war Mitte Juni in Spitzenform, durfte bei den Weltklasse-Meetings in Oslo und Stockholm aber nur aus der Ferne zuschauen, weil andere Athleten den Vorzug bekommen hatten. „Sonst hätte ich vielleicht schon 67 stehen“, glaubt der U20-Europameister von 2011.
In der besten Phase verdonnerte ihn Högler deshalb zu Kraft- und Techniktraining. „Ich musste auf die super Form drauftrainieren. Das ist blöd, weil der Körper nicht trainieren, sondern Wettkämpfe machen will.“ Es ging aber darum, wieder das Grundgerüst und Feeling für weite Würfe aufzubauen. „Der Körper ist ein Luder, der sucht den Weg des geringsten Widerstands. Du musst so lange trainieren, bis du nicht mehr kannst. Wir hatten 50 Würfe am Tag“, erzählte der 25-Jährige.
Wie notwendig dies war, erklärte Högler. Denn der Formabfall wäre gekommen. „Ein Körper lebt in Wellen. Wenn du im Hoch bist, in Form bist, musst du den Körper auswerfen lassen. Du machst Wettkämpfe, Wettkämpfe, Wettkämpfe, bis er schlechter wird. Dann versteht der Körper, dass er wieder etwas machen muss. Aber wenn ich oben bin und die Form mit Drauftrainieren zerstöre, versteht das der Körper nicht.“ Durchziehen müsse man es trotzdem, denn wenn die Kraft nach unten gehe, gehe auch die Wurfkurve nach unten, und die soll bei der WM oben sein.
In die Trainingsphase fiel das Diamond-League-Meeting am 9. Juli in London, dort kam Weißhaidinger nur auf 61,10 m und ist nun beim Finale in Brüssel nur erster Ersatzmann. „Ich glaube, dass mir die 61 besser getan haben, als ich zuerst meinte. Sicher habe ich mich geärgert, aber ich wusste davor, es kann wahrscheinlich nicht funktionieren“, sagte der Oberösterreicher.
Die Trainingsaufzeichnungen hatten Rückschlüsse gegeben, doch wollte man die Brüssel-Chance wahren. Högler war jedoch „schon Anfang des Jahres klar, dass er da nicht weit werfen wird. Du kannst nicht 15 Wochen Maximalkraft und spezielle Kraft hochhalten. Das kann keiner in der Welt mit der normalen Trainingslehre“. Er persönlich sei über die 61 m seines Athleten nicht so unfroh. „Dann ist die Erwartung nicht mehr so hoch. So sagt man wieder, der ist auch ein Mensch.“
Auf dem neuen Wurffeld im BSFZ Südstadt hievte sich der 1,97 m große und 142 kg schwere Athlet wieder ins Hoch. „Im Winter hast du dafür 33 Wochen Zeit, jetzt nur vier. Du musst die Inhalte von 33 Wochen so verkürzen und so die Prioritäten setzen, dass du glaubst, dass er am Ende wieder weit wirft“, sagte Högler.
Auch wenn der Schützling anfangs nicht ganz einsehen wollte, warum bei Schönwetter statt Werfen die Kraftkammer angesagt war, blieb Högler hart. „Ich habe gesagt, du brauchst die Kniebeugen, sonst wirst du nicht genug Kraft für den Abwurf haben.“ Und Weißhaidinger versicherte, dass der Plan aufgeht.
(Aktuelle Bilder von Weißhaidinger sind im AOM vom 21. Juli abrufbar.)