Der wendigste Lastwagen der Welt

Sport Utility Vehicles können schnell und kurvenagil sein, sie können schwer und luxuriös sein, sie können groß und komfortabel sein – aber alles zugleich? Der Bentley Bentayga versucht den Spagat.

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Ausgeprägte Radhäuser überdachen 21-Zöller, ein hervorgehobener Maschendraht-Kühlergrill markiert das vordere Ende des 5,14 Meter langen Briten.
© Höscheler

Von Markus Höscheler

Sterzing –Wenn die Überlieferung stimmt, dann hat Ettor­e Bugatti Lob und Tadel in wenigen Worten gleichzeitig verpackt. Bentley, so sein Urteil vor einigen Jahrzehnten, baue die „schnellsten Lastwagen der Welt“. Eine Marke, die sich auf sportlich und luxuriös versteht, möchte natürlich nicht in die Nähe des Nutzfahrzeuggeschäfts gerückt werden. Zumindest war das bis vor Kurzem so, möglicherweise denkt Bentley aber um: Denn die Briten, zugehörig zum VW-Konzern, haben vor gut eineinhalb Jahren damit begonnen, ein für sie ganz neues Segment zu bedienen, und das recht kompromisslos: das der luxuriösen Sport Utility Vehicles. Mit 5,14 Metern Länge zählt der Bentayga zu den größeren Vertretern der modischen Karosserieform, aber nicht zu den größten: Der Escalade von Cadillac beispielsweise beherrscht den größeren Auftritt. Auch beim Gewicht gibt es Schwerer­e als den 2,4-Tonnen-Bentayga.

Aber gibt es auch Schnellere, Kurvenfreudigere, Luxuriösere – und das alles zugleich? Nicht im Serienbau, auch wenn sich X5 und X6 von BMW, Cayenne von Porsche und GLS von Mercedes alle Mühe gaben und geben. Für den Bentayga hat Bentle­y anfangs den Einbau eines doppelt aufgeladenen W12-Benziners vorgesehen. Aus sechs Liter Hubraum zaubern die Kolben ein maximales Drehmoment von 900 Newtonmetern – und das schon ab 1350 Umdrehungen/Minute.

Bei höheren Touren kann der Abruf von nicht weniger als 608 Pferdestärken erfolgen – glücklicherweise bedient das Aggregat Bentley-typisch (mit Ausnahme der heckgetriebenen Limousine Mulsanne) beide Achsen mit dem Leistungsangebot, das in einen Sprint von null auf 100 km/h in 4,1 Sekunden und in ein Höchsttempo von 301 km/h ausarten kann. Alpentypische Steigungen stellen kein Hindernis dar, wie die Testfahrt aufs Penserjoch offenlegte. Es geht zügig voran, erstaunlich zielstrebig und wankfrei ums Eck – lediglich die Achtstufenautomatik will die gewünschte Reaktionsschärfe nicht immer liefern. Und die Bremsen haben spürbar zu tun, um das Schwergewicht bei Talfahrten zu bändigen.

Klarerweise lösen die zuvor erwähnten Zahlen Appetit aus – insbesondere bei der Konkurrenz rund um Lamborghini (also VW-­intern), Ferrari, Rolls-Royc­e und Aston Martin: Auch dies­e Marken planen das augenscheinlich Unmögliche, Hochbauten als längs- und querdynamische Supersportwagen in Serie zu bauen.

Bentley hat jedenfalls eine Menge vorgelegt, auch und erst recht bei der Innenausstattung, wie die einwandfreie Verarbeitung bei den Materialien, darunter auch Leder vom Feinsten, demonstriert. Zu den Ausstattungs-­Highlights zählen die Naim-Soundanlage (Wert: mehr als 10.000 Euro extra) und die Entertainmentanlage für die zweite Sitzreihe, die fast 9000 Euro ausmacht. Einen beachtenswerten Fortschritt gegenüber dem bisherigen Bentley-Angebot hat das Info­tainmentsystem gemacht: Die Darstellung der Navigation und die Art der Smartphone-Koppelung sind beinahe schon als Revolution zu werten.

Wer nach einer Enttäuschung sucht, wird möglicherweise auf der Rückseite fündig: Das Ladeabteil bietet netto weniger als 500, brutto weniger als 1500 Liter an – obwohl das Fahrzeug mit einer Länge von mehr als fünf Metern gesegnet ist. Aber wer will schon Sperrgut in einem Fahrzeug mitnehmen, das mit knapp 337.000 Euro (inklusive Normverbrauchsabgabe und Umsatzsteuer) bewertet wird? Möglicherweise in Mann vom Fach eines Ettore Bugatti, der den Bentayga in diesen Tagen wohl als „wendigsten Lastwagen der Welt“ bezeichnen würde.


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