Lichtblick: Suizide gehen stark zurück

Gründe für Rückgang sind für Experten unklar. Gute Versorgung mit Psychotherapeuten wird hervorgehoben.

(Symbolbild)
© pixabay

Von Helmut Mittermayr

Reutte –Das heurige Jahr ist ein gutes Jahr. Zumindest was die Zahl der Suizide im Außerfern betrifft. Zwar sind bisher vier Tote und zwei behördenbekannte Versuche nach den ersten sieben Monaten zu beklagen – damit lag die Zahl aber um mehr als die Hälfte unter der des Vorjahrs. 2016 nahmen sich im Bezirk Reutte 15 Menschen das Leben, weitere sieben probierten es und überlebten. Als weltweiter Durchschnitt gelten 15 Sui­zide pro 100.000 Einwohner. Das Außerfern mit nur etwas mehr als 30.000 galt hier immer als deutlich überhöht.

Fachleute tun sich jetzt schwer mit Erklärungen, warum es im Bezirk Reutte heuer auffällig besser läuft. Ludwig Prokop, niedergelassener Psychiater in Reutte, kann sich keinen Reim darauf machen: „An der Struktur der Betreuung hat sich nichts geändert. Die Zahl der Psychotherapeuten ist konstant, jene der Psychiater sowieso so gering, dass sie nicht ins Gewicht fallen kann. Ich freue mich also einfach, dass es diesen positiven Ausreißer gibt.“ Prokop glaubt, da der August schon erreicht ist, dass es wirklich „ein gutes Jahr“ werden könnte: „Denn die dunklen Monate sind gar nicht jene, in denen die meisten Selbstmorde passieren. Sind Mai und Juni erst einmal überstanden, ist das Schlimmste meist vorbei.“ Der Psychiater erklärt auch, dass die Zahl der Versuche in jedem Jahr weit höher liegt, als offiziell bekannt wird. „So wären zum Beispiel bis zu fünf Prozent aller Autounfälle genauer zu hinterfragen“, sagt Prokop.

Psychiater Hansjörg Widmoser vom KH Hall ist zweimal die Woche am BKH Reutte tätig. Für ihn bräuchte es genaueste Einzelfalluntersuchungen, um Faktoren zu finden, die für einen ganzen Bezirk aussagekräftig wären. Er habe das schon einmal versucht, aber der Datenschutz mache vieles unmöglich. Auch Widmoser hat keine Erklärung für den aktuell erfreulichen Rückgang, die Zahlen würden halt einfach rauf- und runtergehen. Positiv sei sicherlich die psychiatrische Ambulanz am BKH Reutte zu sehen: „Sie ist äußerst niederschwellig. Das heißt, Leute getrauen sich in diesem Umfeld viel eher vorzusprechen als etwa im Fachkrankenhaus Hall, das wie ein rotes Tuch wirkt.“ Lobend hebt Widmoser die Außerferner Psychotherapeuten hervor: „Diese Gruppe ist bestens untereinander vernetzt. Im Notfall gelingt es immer sofort, Akuttermine zu bekommen. Das ist etwa im Bezirk Innsbruck-Land nicht denkbar.“

Auch für Psychotherapeutin Julia MacGowan sind die Hintergründe für die geringere Suizidzahl unklar: „Jedenfalls eine positive Nachricht.“ Sie wünscht sich, dass die Tabuisierung von Menschen, die nach einem Suizidversuch aus Hall zurückkommen, aufhören sollte. So werde auch vom engsten Umfeld oftmals nur „Wie kann man nur?“ gesagt, anstatt zu unterstützen. Info zu Außerferner Therapeuten: www.psychotherapie-reutte.at

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