ImPulsTanz - Stammgast und „Stehaufmandl“: Tanzen mit Salim Gauwloos

Wien (APA) - Salim Gauwloos stellt jenen Namen, der ihm vor fast 30 Jahren als Tänzer bei Madonnas legendärer „Blonde Ambition“-Tour verpass...

Wien (APA) - Salim Gauwloos stellt jenen Namen, der ihm vor fast 30 Jahren als Tänzer bei Madonnas legendärer „Blonde Ambition“-Tour verpasst wurde, hinten an. Seit zehn Jahren gibt Gauwloos alias „Slam“ Workshops bei ImPulsTanz, in der nunmehr letzten Festivalwoche sind es drei Kurse täglich. Davon, dass Wiens Tanzreigen auf sein Ende zusteuert, merkt man im Workshopzentrum Arsenal noch nichts.

Es wuselt auf dem etwas versteckten Gelände, das sonst die Kostümwerkstätten von Art for Art und die Probebühne des Burgtheaters beherbergt. Für vier Wochen im Sommer wird in dem Backsteingebäude intensiv getanzt. Schon der Weg dorthin, am Belvedere vorbei, durch den Schweizer Garten und um die Ecke hinter das Heeresgeschichtliche Museum, hat etwas befreiendes, geheimnisvolles. Wer von diesem Ort nichts weiß, wird nicht zufällig auf ihn stoßen.

Das verwinkelte Areal selbst, es präsentiert sich wie eine Art heile Parallelwelt für Tänzer, Anfänger wie Profis: Mit kleinem Pool, Fahrradverleih und Cafeteria am Vorplatz sowie sieben großen Studios, deren Türen Zusehern fast immer offen stehen, lässt es sich hier wochenlang aushalten. Kein Wunder, dass Dozenten Jahr für Jahr wieder kommen, mit dem Festival mitwachsen, oft ihre Kinder mitbringen. ImPulsTanz ist für sie auch ein bisschen wie Urlaub.

Gauwloos tanzt im Studio A, gleich rechts nach dem Eingang. Der riesige Raum wird dank der Fensterfront sonnendurchflutet; die Lichtstimmung intensiviert sich mit Verlauf des abendlichen Workshops nur noch mehr. „Contemporary Jazz for Beginners“ ist einer von acht Kursen, die Gauwloos dieses Jahr gibt, „sie sind alle voll“, weiß Workshop-Mastermind Rio Rutzinger. „Er ist unter den populären Dozenten der populärste.“ Das habe damit zu tun, dass der Tänzer und Choreograf in Europa sonst nicht unterrichtet, zeigt aber auch, „dass er wahnsinnig gut mit Anfängern umgehen kann. Das ist bei Profis nicht selbstverständlich.“

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Um die 50 Teilnehmer - alle verschiedenen Alters und mit variierendem Fitnessgrad - versammeln sich am Dienstagabend zur zweiten von fünf Einheiten auf dem grauen Tanzteppich. Ohne Umschweife fängt Gauwloos, ein charismatischer Mann Ende 40 mit kurzen, ergrauten Haaren und ausgeprägten Lachfalten, an. „Hallo, wie geht‘s, how is everybody“ ist sein immer gleicher Gruß. Dann das Motto: „Versucht, die nächste Stunde und 45 Minuten an nichts zu denken.“

Der Workshop ist körperlich wie geistig fordernd. Nach einem Warm-up mit rasch wechselnden Yoga- und Ballettübungen lernt man schrittweise eine Choreografie Gauwloos‘, die Abend für Abend ein wenig erweitert wird. Es sind ungewohnte, geschmeidige, oft winkelige Bewegungen, die er seinen Schülern beibringt, inspiriert von Jazztanz und klassischem Ballett, mit Einsprengseln von Voguing, einem von großspurigen Model-Posen inspirierten Tanzstil, hier und da. Gauwloos steht vorne mittig, hat seine Gruppe dank acht großer Spiegel immer im Auge, bricht die Bewegungen so oft wie nötig noch weiter herunter, bessert bei Haltung und Ausführung immer wieder nach.

Kommt ein Teilnehmer sichtlich nicht mehr mit, fixiert er ihn im Spiegel, und ermutigt ihn allein mit einem Blick. Überhaupt ist Gauwloos‘ Lehrstil von viel Einfühlungsvermögen („Almost there!“), Witz („Feel the Schienbein!“) und Charme („You look great!“) geprägt. Ab und an neckt er seine Schüler, verspricht, die Choreografie werde in ihrer Ausführung nicht schneller sein als bei seiner Demonstration - nur um das Tempo dann zu vervierfachen. Aber egal: Man probiert es wieder und wieder, tastet sich vor.

Gauwloos selbst sei ein „Stehaufmandl“, sagt Rutzinger. Mit 18 Jahren kam der Belgier mit marokkanischen Wurzeln nach New York, nachdem er als einer von zwei Tänzern unter 2.000 Bewerbern ein Stipendium für eine begehrte Tanzschule erhalten hatte. Kurz darauf begann seine Zusammenarbeit mit Madonna. 1990 trat er im ikonischen „Vogue“-Video, auf der Bühne ihrer erotisch aufgeladenen „Blonde Ambition“-Tournee und in der vor allem für die schwule Community prägenden Doku „In Bed with Madonna“ auf. Sechs der sieben zentralen Tänzer waren homosexuell, ein Kuss zwischen Salim und Gabriel Trupin war der erste zweier Männer in einem Kinofilm.

Bis heute, erzählt Gauwloos im Film „Strike A Pose“, schreiben ihm Menschen, dass dieser Moment ihr Leben verändert hat. Die auf Netflix abrufbare Doku greift 25 Jahre später auf, was damals nicht auszusprechen gewagt wurde. Drei der Tänzer waren zur Zeit der Tournee HIV-positiv, hielten es jedoch - ungeachtet des „Express Yourself“-Mottos Madonnas - voreinander geheim; einer von ihnen, Gabriel, starb wenige Jahre später. Die anderen fielen tief, auch Gauwloos, der sechs Jahre lang illegal in den USA lebte, obdachlos, drogen- und alkoholsüchtig war. Ein Krankenhausaufenthalt 1997 war sein „Weckruf“, wenige Jahre später lernte er seinen heutigen Ehemann, den argentinischen Fotografen Facundo Gabba, kennen und rappelte sich auf.

Noch heute öffnet ihm seine Vergangenheit mit Madonna viele Türen, sagt Gauwloos. Er tanzte in Musikvideos für Popstars wie George Michael und Britney Spears, choreografierte u.a. 2003 für Elton Johns Broadwayproduktion von „Aida“, ist Dozent am Broadway Dance Center und lehrt Supermodels an Sets von Shootings für u.a. Revlon oder Versace, wie man sich vor der Kamera bewegt. Auch das zeichnet Gauwloos aus, meint Rutzinger zur APA. Neben anderen ImPulsTanz-Dozenten aus der Mode- und Unterhaltungsbranche wie Jermaine Brown oder Terence Lewis habe es Gauwloos „nicht notwendig, noch zu unterrichten“. „Aber sie teilen die Liebe und Leidenschaft für den Tanz, und geben ihre Begeisterung weiter.“

Wer bei „Slam“ getanzt hat, schwärmt noch Jahre später von seiner Ausstrahlung, seinen schönen Choreografien. Und ist an jenem roten Gummi-Armband erkennbar, das der Choreograf nach fast zwei Stunden Schwitzen unter die Leute bringt. „Breathe - by Salim“ steht darauf. „Nach einem scheiße Tag (sic!) schaut ihr darauf, denkt an mich - und atmet.“

(ÜBER IMPULSTANZ-WORKSHOPS: Insgesamt 266 Workshops, darunter 14 Research-Projekte, wurden heuer angeboten, von Contemporary Jazz über Modern Dance und Improvisation bis zu Kursen für Kinder, Jugendliche und Ältere. 205 Dozenten hielten an 13 Veranstaltungsorten Kurse ab, die von mehr als 3.000 Teilnehmern besucht wurden. Am Samstag endet die Saison mit dem Showing „expressions‘17“, bei dem Workshop-Teilnehmer zeigen, was sie gelernt haben.)

(S E R V I C E - ImPulsTanz endet am Sonntag, 13. August. www.impulstanz.com/workshops/2017/id3265/. Der Film „Strike a Pose“ ist auf Netflix abrufbar. www.strikeaposefilm.com)

(B I L D A V I S O – Pressebilder zu den Workshops und zu Salim Gauwloos stehen unter www.impulstanz.com/presspictures/press_workshops17/ zum Download bereit.)


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