Protest ging Hand in Hand mit Musik

1967 markierte einen Höhepunkt einer globalen Massenprotestbewegung, die es heute in dieser Dimension nicht mehr gibt. Der Züricher Historiker Erich Keller erläutert die Hintergründe.

© Alamy/Indiana University

San Francisco — Es war das Jahr der Massenproteste: Kiffende Hippies, immer größere Anti-Vietnamkriegs-Kundgebungen, riesige Musikfestivals und die Bürgerrechtsbewegung dominierten den „Summer of Love" im Jahr 1967.

Sowohl die Hippie-Bewegung als auch große Vietnam-Proteste und die Bürgerrechtsbewegung dominierten 1967. Worin bestehen Zusammenhänge, was war das Trennende der beiden Strömungen?

Erich Keller: Die Geschichte des modernen amerikanischen Civil Rights Movements geht zurück in die 1950er-Jahre, als Afroamerikaner nicht länger bereit waren, Diskriminierung hinzunehmen. Die Bürgerrechtsbewegung forderte gleiche Rechte für alle, ein Ende der rassistischen Segregation. Auch 1967 markiert einen Generationenbruch. Die Proteste gegen den Vietnamkrieg, verkrustete Strukturen in Universitäten und überkommene Moralvorstellungen breiteten sich international aus, wenn auch unterschiedlich. Die Rockmusik beschleunigte politische Bewegungen und integrierte sie in einen boomenden Protestmarkt. Protest war chic und hip.

Auch wenn der „Summer of Love" rasch vorüber war, so prägten die Vietnamkriegsproteste die USA noch viele Jahre. Wenn Sie starke Protestbewegungen vergleichen, welche haben wirklich etwas bewirkt und ein Umdenken angeregt?

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Keller: Etwas vereinfacht gesagt, waren es diejenigen, denen eine Verknüpfung von politischen Themen mit kulturellen Bewegungen gelang. Eines lässt sich sagen: Unsere Gesellschaft in offenen, demokratischen Ländern hat sich nicht zuletzt durch Protest und solche Koppelungseffekte verändert. Zurzeit scheint es, als ob sich Politik und neue, aufregende Kultur voneinander getrennt hätten. Doch es gibt Historiker, die davon ausgehen, dass die USA nicht zuletzt wegen der starken Antikriegsbewegung den Krieg in Vietnam 1975 verloren haben.

Warum finden heute große Anti-Kriegs-Bewegungen wie etwa in Zeiten des Vietnamkriegs oder auch später bei den Golfkriegen kaum noch bzw. gar nicht statt?

Keller: In der Tat fällt auf, wie sehr sich die Koppelung von Protest und Kultur gelockert hat. Der Golfkrieg von 1991 brachte grünstichige Videobilder von Bombenexplosionen hervor, stumme Treffer von angeblich chirurgischer Präzision. Heute wissen wir, dass das nicht stimmte, dass Abertausende Zivilisten umkamen. Es gibt auch Songs darüber, aber einen neuen Sound produzierte auch dieser Krieg nicht mehr. Warum? Vielleicht weil die Pop-Revolte so erfolgreich wurde und sich neue Musikstile nahtlos in eine dominierende Popkultur einpassen, egal wie radikal die Musik daherkommen mag.

Sind Ihrer Meinung nach Protestbewegungen im Social-Media-Zeitalter ins Internet verlagert worden?

Keller: Ich denke, das digitale Zeitalter hat mehr getan als bloß die Schauplätze verlegt. Mit der Verlagerung von Protesten in die Internetsphäre unterwerfen sie sich der hyperschnellen Aufmerksamkeitsökonomie. Politische Themen haben es sehr schwer, eine länger andauernde Präsenz in den digitalen Medien zu erobern. Proteste, etwa die Demonstrationen gegen rassistische Polizeigewalt in den USA im Vorjahr, können rasch zu einer intensiven Berichterstattung führen und ebenso rasch wieder vorbei sein. Doch es bleibt kaum je etwas davon haften, es sind höchstens kurze Verwerfungen auf der glitzernden Oberfläche.

Sind junge Menschen in Sachen Protest resigniert und abgestumpft bzw. oberflächlicher geworden?

Keller: In der digitalen Wissensgesellschaft ist weniger das Fehlen von Information problematisch, sondern vielmehr die Menge und das kurze Aufblitzen im nie versiegenden Medienstrom. Bilder von abscheulichsten Verbrechen etwa in Syrien stehen den brutalen Aufnahmen aus Vietnam in Sachen Grausamkeit in nichts nach und sind anders als im analogen Zeitalter jederzeit abrufbar. Vielleicht hat das zu einer Art Gewöhnung geführt, die sich als Hilflosigkeit äußert.

Das Gespräch führte Beate Troger


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