Mit Flowerpower gegen das System: “Summer of Love“ wird 50

Der „Summer of Love“ 1967: Die Hippiebewegung bricht mit gesellschaftlichen Konventionen und in der Musikwelt werden Meilensteine gesetzt.

Das Viertel Haight-Ashbury als Zentrum des "Summer of Love".
© AFP

Innsbruck –1968 mag sich als das Jahr der Studenten­unruhen und Arbeiterkämpfe, des Prager Frühlings und der Morde an Martin Luther King und John F. Kennedy, kurz: einer ganzen Reihe von epochemachenden Ereignissen in die Geschichtsbücher eingetragen haben. Doch natürlich kann der „Mythos 68“ nicht isoliert betrachtet werden, er entstand aus einem Jahrzehnt des Wandels heraus – und in diesem stellt das Jahr 1967 mit seinem (eigentlich schon im Winter beginnenden, siehe rechts) „Summer of Love“ jene Wegmarke dar, die noch ein halbes Jahrhundert später genussvoll durchdekliniert wird. 50 Jahre „Summer of Love“ geben dazu Anlass, die musikalischen Großtaten der Zeit sowieso.

Die Auflehnung manifestiert sich in den 1960ern auch als Eskapismus, als vornehmlich die Kinder der weißen Mittelschicht in Scharen ins gelobte Hippie-Land, den Haight-Ashbury District von San Francisc­o ziehen, um dort Alternativen zu den Versprechen der Konsumgesellschaft suchen. Im Golden Gate Park ruft hier im Jänner ’67 Timothy Leary zum Bruch mit Konventionen auf, hier finden Grafiker wie Wes Wilson – übrigens inspiriert vom Wiener Secessionisten Alfred Roller – eine eigene Bild- und Schriftsprache für den Psychedelic Rock, im Küsten­städtchen Monterey wird im Juni ’67 die Geschichte der großen Musikfestivals eingeläutet und beginnt der Stern von Künstlern wie etwa Janis Joplin auch in den Augen der Plattenbosse zu leuchten.

70 prominente Köpfe sind auf dem Cover von Sgt. Pepper zu sehen, darunter die Beatles gleich zweimal (1. Reihe, Mitte, in bunten Kostümen, daneben links als Wachsfiguren).
© EMI

Das Jahr 1967 „darf als jenes gelten, das die junge Popkultur für immer bunt machte und ihr einige ihrer nachhaltigsten und identitätsstiftenden Legenden bescherte“, resümiert der Musikjournalist Ernst Hofacker, der mit „1967. Als Pop unsere Welt für immer veränderte“ die lesenswerte und mit reichlich Anekdoten geschmückte Biografie dieses Popjahres geschrieben hat.

Man verlässt die Hippie-Zentrale Haight-Ashbury dabei auch Richtung London, wo die Beatles mit „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ jenes epochale Konzept-Album gebären, das sowohl in Stil, Produktionstechnik und Artwork Maßstäbe setzte. Dass ein im Sommer 1967 in die hierarchisch gut aufgeräumte Londoner Szene wie ein Orkan einbrechender Gitarrengott namens Jimi Hendrix bei einem Auftritt im Saville Theatr­e in Camden ausgerechnet den Titelsong des erst drei Tage zuvor erschienenen „Sgt. Pepper“-Albums coverte, ist eine der schönen Brücken, die Hofacker zwischen den einzelnen Pop-Storys schlägt.

Den „ersten Hippie“ macht er wiederum in George Hunter, späterer Gründer von The Charlatans, aus, der mit seinem extravaganten Kleidungsstil auf dem Campus von Berkeley von sich reden machte, als dort 1964 – als Antwort auf die inquisitorische Jagd der US-Regierung auf „unamerikanische Umtriebe“ – das Free Speech Movement gegründet wurde.

Die Popgeschichte von 1967 führt aber auch in die Wälder bei Woodstock, wo bei den so genannten „Big Pink“-Sessions Mythos und Musik von Bob Dylans „Basement Tapes“ entstanden. Oder in die Gefilde der Black Music, die sich – ausgerechnet zur Zeit der erstarkenden Bürgerrechts­bewegung – durch den Siegeszug des weißen Pop zunächst einer gewissen Verdrängung ausgesetzt sah. (jel)

Sachbuch Ernst Hofacker: 1967. Als Pop unsere Welt für immer verändert­e. Reclam Verlag 2016, 272 Seiten, 36 Euro.


Kommentieren


Schlagworte