Nach erneuten Unwettern: Die Suche nach einem Murenwarnsystem

Schwere Unwetter und Muren gab es auch in der Nacht auf Freitag in Tirol. Die Brennerbundesstraße bleibt auch am Samstag gesperrt. Wissenschafter forschen unterdessen seit Jahren nach tauglichen Frühwarnsystemen.

Mehrere Hangrutsche in Mühlbachl hielten auch am Freitag die Einsatzkräfte noch auf Trab.
© FOTOFREIE

Von Marco Witting

Innsbruck — Auf das Unwetter folgen die Muren, die Straßensperren, die Aufräumarbeiten. Der Sommer 2017 ist gekennzeichnet von zahlreichen schweren Gewittern und ihren Folgen. In der Nacht auf Freitag war wieder das Wipptal betroffen. Zwischen Mühlbachl und Schönberg musste etwa die Brennerbundesstraße bis inklusive Samstag gesperrt werden — ein Ausweichen ist nur über die mautpflichte Autobahn möglich. Wieder freigegeben werden konnte die Ellbögener Landesstraße, nachdem zuvor die dortigen Hangrutsche von der Landesgeologie begutachtet wurden. Durch die Unwetter waren auch mehrere Pegel stark angestiegen — etwa jener der Ruetz oder der Ötztaler Ache.

Am Freitag gingen die Pegel dann zurück. Glück hatte ein 28-jähriger Ungar schon am Donnerstagnachmittag. Er war in Umhausen an einem Seil gesichert oberhalb des Stuibenfalls unterwegs, um ein Foto zu machen. Die starke Strömung riss den Mann mit, er blieb aber am Seil hängen und konnte von der Bergrettung geborgen werden.

Derartige Naturgewalten besser verstehen, schneller und genauer davor warnen zu können — damit beschäftigen sich seit Jahren etliche Institutionen und Wissenschafter. Doch egal wen man fragt, ein Murenwarnsystem im besten Wortsinn scheint kaum möglich zu sein.

Hintergrund: Info-System warnt vor Starkregen

Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Innsbruck betreibt schon seit 2011 ein so genanntes Stark-regeninformationssystem. Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich die Idee, dass Muren häufig — aber eben nicht immer — von kurzfristig auftretenden starken Niederschlagsereignissen ausgelöst werden. Von einem echten Murenwarnsystem könne man nicht sprechen, sagt Harald Schellander von der ZAMG, da viele andere Faktoren nicht in das System eingehen.

Bei dem Modell werden aktuelle Niederschlagsfelder unter den herrschenden meteorologischen Bedingungen in die Zukunft verlagert — und es wird auch die Niederschlagsintensität berücksichtigt. Die Vorhersagen haben eine räumliche Genauigkeit von einem Quadratkilometer. Dafür werden dann Schwellenwerte festgelegt, ab wann eine Warnung ausgeschickt wird. Kunde dafür ist unter anderem die Stadt Imst für den Bereich der Hahntennjochstraße. „Man hat hier eher sehr niedrige Schwellenwerte festgelegt und so kommt es zu 40 bis 50 Warnungen", sagt Schellander. Wie stark dann ein Ereignis oder gar eine Mure ausfällt, lässt sich nicht vorhersagen. (mw)

Einhelliger Tenor: Zu viele Faktoren fließen bei einem Murgang ein, um diesen letztlich vorhersagen zu können. Gerhard Markart vom Institut für Naturgefahren (BFW) in Innsbruck erklärt: „Es spielen so viele Dinge eine Rolle. Wo steht die Gewitterzelle, wo wandert sie hin. Was geben versiegelte Flächen ab. Habe ich eine Almweide oder Mähwiese, oder wie stark ist dieses System vorbefeuchtet." All das sei letztlich mitverantwortlich, ob ein Hang rutscht, eine Mure abgeht, oder eben nicht. Und Markart sagt auch, dass man auf diesem Gebiet noch ständig dazulerne. „Wald ist nicht etwa gleich Wald. Wir haben festgestellt, dass es weniger Rutschungen in Altbeständen gibt, weil das Netz von Wurzeln verzweigt ist." Der Zustand eines Waldes sei dann aber nur ein Faktor von mehreren, die es zu beachten gilt.

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"100-prozentige Lösung werden wir nicht haben"

Doch werden Warnsysteme in Zukunft möglich sein? Markart sagt, „eine 100-prozentige Lösung werden wir nicht haben". Aber: „Wir kommen immer näher. Es braucht aber eindeutig mehr Wissen über die Rutschungsdisposition." Die Frage, was tut das Wasser, wenn es in der Erde ist, sei zudem eine ganz zentrale. Außerdem, so der Fachmann, sei „Forschung das eine, das zu den Praktikern zu bringen und zu systemisieren" noch einmal etwas ganz anderes.

Christian Scheidl von der BOKU Wien spricht von einem „komplexen Gefüge", das man verstehen lernen muss. Die Wissenschaft versuche Lösungen zu finden. Dazu müsse man weiter Daten sammeln. Die dann in Simulationsmodelle einfließen sollen, aus denen ersichtlich wird, ob in einem Bereich, in dem es bereits eine Mure gab, noch einmal eine abgehen kann. Scheidl erklärt zudem, man müsse zwischen Vorhersagen und dann Frühwarnsystemen unterscheiden. Bei einem Frühwarnsystem, das könnte etwa durch Geophone stattfinden, die ein bestimmtes Grollen registrieren, blieben dann zwar auch nur ein bis zwei Minuten Zeit. Aber, so sagt Schiedl, „dann könnte man eine Schranke schließen oder eine Ampel schalten" und für Sicherheit sorgen.

Schutz durch Raumplanung

Der große Schutz vor Muren müsse wohl durch raumplanerische Mittel kommen, sagt Markart. Aber: „Eine falsch positionierte Straßenableitung kann auch verantwortlich sein, dass eine Mure entsteht. Oft sind es Kleinigkeiten, die eine große Wirkung haben."

Auch die Frage, ob derartige Ereignisse häufiger werden oder nur die subjektive Wahrnehmung darüber, das könne nicht so einfach beurteilt werden, sagt Markart. „Es wird in den Medien sehr viel transportiert und manche Ereignisse, die in der Intensität völlig verschieden waren, werden dann gleichgesetzt." Auch früher habe es Muren gegeben. Andererseits seien die steigenden Temperaturen natürlich zu beobachten. Experten schätzen, dass bei einem Grad Temperaturzunahme rund sieben Prozent mehr Feuchtigkeit in der Luft sei. Vieles, auch was den Klimawandel betrifft, ist zudem heftig umstritten.


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