Fußball: Reform des Transfersystems heikel - „Kampfgeld“ im Umlauf

Wien (APA) - Die 222 Millionen Euro Ablöse beim Wechsel des Brasilianers Neymar vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain haben weltweit für A...

Wien (APA) - Die 222 Millionen Euro Ablöse beim Wechsel des Brasilianers Neymar vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain haben weltweit für Aufsehen gesorgt. Vereinzelt werden jetzt Rufe an die Politik laut, Cashflow und Chaos auf dem Fußball-Transfermarkt einzudämmen. Doch ist das überhaupt möglich? Wie könnte eine Neuordnung des Systems aussehen?

„Es gab ein Ziel: die Einführung eines Salary Caps auf europäischer Ebene“, nahm Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge jüngst im „Sport Bild“-Interview einen oft zitierten Begriff in den Mund. Der Ausdruck kommt aus dem US-Sport, wo alle Liga-Teilnehmer nur eine gewisse Summe für ihre Spielergehälter aufwenden dürfen. So soll die Anhäufung von hochbezahlten Stars bei einem Team verhindert werden, was einem ausgeglichenen und damit spannenden Kampf um den Titel abträglich wäre.

Eine Wiederbelebung dieser Debatte würde aber ins Leere führen. Denn eine Gehaltsobergrenze würde eben nur die Gehälter drücken. Das Problem der zum Teil exorbitanten Ablösesummen bliebe bestehen, es sei denn, man würde diese buchhalterisch zu den Personalkosten rechnen. Außerdem hat die UEFA mit dem Financial Fair Play (FFP) ja längst ihre Variante des Salary Cap für den europäischen Fußball vorgelegt, in der genau das umgesetzt ist.

Laut dem Regulativ, das mit der Saison 2011/12 eingeführt wurde, müssen die Clubs im Wesentlichen ausgeglichen bilanzieren. Im aktuellen Bewertungszeitraum 2016 bis 2018 dürfen nicht mehr als 30 Millionen Euro Schulden gemacht werden. Allerdings zeigt gerade der Fall Neymar Schlupflöcher auf: Paris Saint-Germain kann die Transfersumme über die Vertragslaufzeit von fünf Jahren abschreiben. Bis zu einem gewissen Betrag dürfen die katarischen Eigentümer die Zuwendungen für den Club als Sponsorgeld ausweisen.

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Die UEFA könnte die Fair-Play-Regeln freilich verschärfen. Denkbar ist auch eine absolute Obergrenze für Transferausgaben oder nur Ablösezahlungen. Um die Entstehung von Fußball-Oasen zu verhindern, wo Geld praktisch keine Rolle spielt, müsste das aber möglichst weltweit gelten. „Wenn die FIFA so etwas beschließt, dann müssten sich alle Vereine aller Mitgliedsverbände dem anschließen“, erklärte der Wiener Politikwissenschafter Georg Spitaler, der sich mit dem Spezialgebiet Fußball auseinandersetzt. „Im Prinzip ist das Transferrecht ja größtenteils FIFA-Reglement. Insofern würde es schon gehen, sofern es nicht nationalem Recht widerspricht.“

Eine andere Idee ist die Abschaffung von befristeten Verträgen. „Das Transfersystem würde dadurch revolutioniert. Die Ablösesummen würden sich erheblich reduzieren“, meinte Sportjurist Christian Flick schon vor einigen Jahren im APA-Gespräch. Fraglich ist nur, ob dadurch wirklich weniger Geld im Umlauf wäre. Die Clubs wären nicht weniger reich, und der Wettbewerb um die besten Spieler wäre bei unbefristeten Verträgen erst recht intakt. Was läge näher, als hohe Summen direkt als Unterschriftsprämien an die Sportler zu überweisen, anstatt zwecks Ablöse an die Vereine?

In den großen US-Ligen NFL, NBA, MLB und NHL gibt es sehr wohl befristete Verträge, doch trotzdem keine Ablösen. Wechselwillige Spieler werden gegen Spieler der aufnehmenden Teams oder andere Assets wie Draft-Rechte getauscht. Dieses System funktioniert aber nur, weil es auf zwei, noch dazu sehr ähnliche Länder beschränkt ist: die USA und Kanada. Derartiges auf Europa übertragen oder gar international einführen zu wollen, erscheint illusorisch.

Grundsätzlich werden wesentliche Rechte beschnitten, wenn ein Spieler A im Gegenzug für Spieler B ohne seine Zustimmung quasi über Nacht an einen anderen Ort verschoben werden kann. In Nordamerika unterscheiden sich Tradition und Denkweise hier stark von Europa. Überdies haben sich die betreffenden Ligen durch die Zustimmung der Spielergewerkschaften rechtlich abgesichert. Kollektivvertraglich ist festgehalten, dass ein Spieler, wenn er zum Gegenstand eines „Trade“ geworden ist, diesem Aufruf Folge zu leisten hat. Wie viele nationale Spielergewerkschaften müsste man für eine globale Regelung im Fußball auf einen gemeinsamen Nenner bringen?

Egal, welche Konzepte die Zukunft bringen mag, bis zu ihrer Einführung wird noch viel Zeit vergehen. Realistisch ist daher, dass die Ablösesummen im Fußball weiter steigen, sofern nicht ein wirtschaftlicher Crash kurzfristig zu einer Schubumkehr führt. „Derzeit ist es einfach so, dass globales Kapital in die Vereine fließt“, erkennt Spitaler eine angesichts der Großwetterlage nur logische Entwicklung. Nicht zuletzt der Medienmarkt führt dem Fußball laufend frisches Kapital zu. „Es gibt so viele Umstellungen, durch Streamingdienste und neue Anbieter. Ich habe den Eindruck, dass das auch Kampfgeld ist.“


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