Wahlkampfveteran Schäuble „rockt“ die deutsche Provinz

Schleiz (APA/Reuters) - Wohl kein deutscher Spitzenpolitiker hat so viele Wahlkämpfe auf dem Buckel wie Wolfgang Schäuble. Fast ein halbes J...

Schleiz (APA/Reuters) - Wohl kein deutscher Spitzenpolitiker hat so viele Wahlkämpfe auf dem Buckel wie Wolfgang Schäuble. Fast ein halbes Jahrhundert hat der 74-Jährige Erfahrungen gesammelt, wie er am besten um Wählerstimmen wirbt.

Bei einem Auftritt in der thüringischen Kleinstadt Schleiz kokettiert er: „Ich fahr halt so‘n bissl durch die Gegend und halt‘ ab und zu mehr oder weniger kluge Reden. Aber ich tue mein Bestes.“

Seine Zuhörer lachen kurz. Am Ende - es ist kurz nach 22.00 Uhr - sind die rund 500 Gäste nach zweieinhalb Stunden Vortrag und Diskussion in der eher nüchternen Veranstaltungshalle aus dem Häuschen: Sie stehen auf, klatschen minutenlang und jubeln Schäuble zu. „Er hat den Saal gerockt“, sagt sein Gastgeber, der CDU-Bundestagsabgeordnete Albert Weiler.

Schäuble weiß, wie man an der Basis ankommt. Er wirbt, warnt und poltert. Vor allem aber erklärt er, wie die Welt aus seiner Sicht funktioniert - und warum das, was er seit Jahrzehnten macht, für die Menschen gut sein soll. „Die Welt ist in einem Zustand, der uns in vielerlei Hinsicht Sorgen macht.“ Aber er vermittelt auch Zuversicht: „Wir sind auf keinem schlechten Weg“, um dann zu mahnen: „Gerade wenn es uns heute gut geht, haben wir die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass es auch in den nächsten Jahren gut geht.“

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Bei seinen Auftritten nimmt der Weltpolitiker Schäuble die Menschen quasi an die Hand und führt sie durch die Krisenherde dieser Welt: von der Ukraine über Russland, Afrika in die Türkei, streift dabei Nordkorea und lässt ein paar launige Sätze über US-Präsident Donald Trump fallen. Er scheut aber auch die nahe liegenderen Konfliktherde nicht: Flüchtlinge, innere Sicherheit, Pensionen, Jobs, Schulden.

Immer wieder plaudert Schäuble aus dem Nähkästchen. So spreche er häufig mit EZB-Präsident Mario Draghi und sage ihm dabei schon einmal: „Mario, du musst schon sehen, die Deutschen müssen das auch verstehen können, was ihr macht.“ Und trotz der Sanktionen gegen Russland habe er immer engen Kontakt zu seinem Kollegen dort. Wenn es in der G-7- oder G-20-Gruppe ernst werde, frage man ihn: „Wolfgang, rufst du unseren russischen Kollegen mal an?“

Zwischendurch streut der Wahlkämpfer ein launiges Sätzchen ein, um seine Zuhörer aufzulockern. Es geht um schwere Kost. Wenn er sich etwa erinnert, dass die Sozialdemokraten beim Budgetentwurf 2018 im Kabinett etwas niedrigeren Ausgaben für Langzeitarbeitslose nicht widersprochen hätten, poltert er: „Ich bin der Finanzminister, ich bin doch nicht völlig dement.“

Schäuble kennt die Pfunde, mit denen er in einer Region wie Thüringen punkten kann. Schließlich ist er einer der Architekten der deutschen Einigung, unterzeichnete den entsprechenden Vertrag und vereinbarte als Innenminister den Wegfall der innerdeutschen Grenzkontrollen. „Das ist nun auch schon wieder 27 Jahre her“, sagt er. 2017 kämpft der Mann, der seit 1972 im Bundestag sitzt, immer noch um Stimmen. „Es macht mir Spaß“, antwortete er immer wieder auf die Frage, was nach so vielen Jahren seine Triebfeder sei.


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