Großbrand in Thessaloniki 1917 - 72.000 Menschen verloren ihr Zuhause

Thessaloniki (APA/dpa) - Es war ein heißer Augusttag in Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands, vor genau 100 Jahren: Eine Frau ...

Thessaloniki (APA/dpa) - Es war ein heißer Augusttag in Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands, vor genau 100 Jahren: Eine Frau kochte auf offenem Feuer. Ein Funke sprang aus dem Fenster und fiel auf Stroh, das im Garten des Nachbarn gelagert war. Sekunden später entfachte der Wind einen Brand. Zunächst nahm das am 18. August 1917 niemand ernst, doch die Flammen wurden immer größer.

Binnen weniger Stunden wütete ein Inferno, das in die Geschichte der Stadt als der Großbrand von Thessaloniki einging. Im Gedächtnis vieler Griechen gilt die Feuersbrunst als ein Drama, das zugleich einen Neuanfang für die Metropole bedeutete.

Tote gab es zwar nicht, die Folgen waren für viele Einwohner dennoch dramatisch: Mehr als 72.000 Menschen verloren ihr Obdach. Dutzende Synagogen der damals florierenden jüdisch-griechischen Gemeinde, mehrere Kirchen und Moscheen brannten nieder. Tausende Geschäfte und Manufakturen wurden zerstört, schrieb damals die Presse von Thessaloniki. Fast zwei Drittel der Menschen verloren ihre Arbeit.

Viele Flüchtlinge waren in der Stadt, als das Inferno ausbrach. Sie hatten sich von einem heute relativ unbekannten Ort des Ersten Weltkrieges aufgemacht: Wenige Kilometer nördlich und westlich der Hafenstadt verlief die Mazedonische Front. Dort kämpften Österreicher und Deutsche zusammen mit Bulgaren gegen die damalige Entente-Allianz Frankreichs und Großbritanniens, zu der auch Griechen und Serben gehörten. Thessaloniki war die Drehscheibe für den Nachschub der Franzosen und Briten.

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Der Großbrand war am 19. August 1917 gelöscht, er zerstörte fast das gesamte Stadtzentrum. Die Katastrophe war auch ein Neuanfang. „Die Straßen waren damals eng und die Häuser eng nebeneinander gebaut“, sagt Evgeneia Kalogeratou, Architektin im Kulturministerium. Die damalige griechische Regierung begann damit, eine neue Stadt auf den noch rauchenden Trümmern zu bauen. Man engagierte den bekannten französischen Architekten und Planer Ernest Hebrard. Er entwarf ein neues Zentrum rund um den prachtvollen Aristoteles-Platz. Das bis dahin osmanisch geprägte Thessaloniki verwandelte sich in eine moderne europäische Stadt, erläutert Kalogeratou.

Die Leiden der Menschen waren mit dem Wiederaufbau nicht beendet. In den Jahren 1922 bis 1924 mussten Tausende Türken Thessaloniki und die Region verlassen. Dafür kamen Zehntausende Griechen aus Kleinasien in die Stadt. Das war die Folge eines griechisch-türkischen Krieges. 1943 bis 1944 wurden unter deutscher Besatzung die etwa 50.000 Juden der Stadt, die damals Klein-Jerusalem genannt wurde, nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Der britische Historiker Mark Mazower schrieb das Buch „Salonica City of Ghosts“ (Thessaloniki, die Stadt der Geister) und stellte darin fest, dass große Teile der ursprünglichen Bevölkerung nicht mehr da sind und das bis heute zu spüren sei. Die Seele Thessalonikis befinde sich nicht nur in der Hafenstadt, sondern verteilt auf der ganzen Welt.

Bürgermeister Giannis Boutaris teilt diese Einschätzung. Deswegen lädt er Nachkommen von Juden und Türken in die Stadt ein, damit sie sich an ihre Vorfahren erinnern können. Auf den Straßen von Thessaloniki ist deswegen nicht nur Deutsch und Englisch oder Italienisch zu hören, sondern immer wieder auch Hebräisch und Türkisch und auch slawische Sprachen. Ein neues großes jüdisches Museum wird gerade gebaut. „Wir waren und sind multikulti. Alle sind hier willkommen“, sagt ein älterer Händler im ehemaligen jüdischen Viertel.


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