Deutsche Pressestimmen zu Trumps Afghanistan-Strategie

Washington/Kabul (APA) - Deutsche Zeitungen schreiben am Dienstag zur Afghanistan-Strategie von US-Präsident Trump:...

Washington/Kabul (APA) - Deutsche Zeitungen schreiben am Dienstag zur Afghanistan-Strategie von US-Präsident Trump:

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“:

„Manchmal sieht man Dinge von der Warte politischer Verantwortung aus doch anders als aus der Perspektive eines Wahlkämpfers, der den Leuten das Blaue vom Himmel verspricht und ihnen den Köder des Isolationismus hinwirft. Wie hatte Donald Trump doch gegen die Militäreinsätze und -interventionen der Vereinigten Staaten agitiert, als er noch nicht Präsident war; wie sehr hatte er das Engagement in Afghanistan als falsch kritisiert und seine Vorgänger verdammt. Und nun? Jetzt sitzt er im Oval Office und sieht die Dinge nach eigenem Bekunden eben anders: Die amerikanische Präsenz in Afghanistan wird wieder erhöht. Angesichts der jüngsten Erfolge der Taliban ist das eine richtige, notwendige Entscheidung, mögen Trumps Anhänger darin auch (...) Verrat wittern. Aber Isolationismus macht die Welt nicht sicherer. (...)“

„Süddeutsche Zeitung“ (München):

„Mehr Truppen, mehr militärische Ausbildung, mehr Anti-Terror-Krieg? Eigentlich hatte er Ausstieg, Rückzug oder gar die Übergabe des Kriegs an ein hoch bezahltes amerikanisches Söldnerheer in Aussicht gestellt. Trump weiß, dass er ziemlich blamiert vor seinen Anhängern steht. Aber er hat keine Wahl. Seine Generäle haben ihm klargemacht, was geschehen würde, wenn er die eigenen Soldaten zu früh heimholt. Die Taliban, seit Längerem wieder auf dem Vormarsch, würden Kabul erobern, und Afghanistan wäre bald wieder das, was es von 1996 bis 2001 war: ein Terror-Emirat. In seiner ganzen Trumphaftigkeit hob der Präsident das angeblich Neue an der Strategie kraftmeiernd hervor: ‚Wir betreiben nicht länger Nation-Building. Wir sind hier, um Terroristen zu töten.‘ Aber vom Aufbau einer Nation kann am Hindukusch ohnehin schon lange keine Rede mehr sein.“

„Frankfurter Rundschau“

Bei US-Präsident Donald Trump ist nie drin, was draufsteht. Die vollmundig angekündigte neue Strategie für Afghanistan ist bei genauerem Hinsehen nur die Ankündigung, einfach weiterzumachen, wie bisher. Und das ist keine gute Nachricht. Denn nur wenig ist gut am Hindukusch, wo etwa die Zahl der Anschläge und der Toten seit dem Abzug der internationalen Kampftruppen im Jahr 2014 jährlich steigt - von einem traurigen Rekord zum nächsten. Doch statt darüber zu sprechen, was in den vergangenen knapp 16 Jahren des internationalen Einsatzes in Afghanistan falsch lief und was besser gemacht werden müsste, setzt Trump auf Mittel, die schon bisher nicht sonderlich erfolgreich waren.

„Stuttgarter Zeitung“:

„US-Präsident Trump musste einsehen, dass es in der realen Politik komplizierter zugeht als in der Welt der Kurzbotschaften mit ihren 140 Zeichen. Dass es einfache Lösungen nicht gibt, schon gar nicht für Afghanistan. Dass es ein geopolitisches Vabanquespiel wäre, würde man das Land sich selbst überlassen. Die Taliban sind längst wieder auf dem Vormarsch. Die Korruption grassiert, zu den Interessenskonflikten rivalisierender Warlords kommen die Interessenskonflikte miteinander konkurrierender Nachbarländer. Es ist eine Gemengelage, mit der schon Barack Obama zu tun hatte. Geändert hat sich im Grunde nichts, weder an den Realitäten vor Ort noch an Amerikas Antwort darauf. Bei allem Getöse: Was Trump an Konzepten anbietet, ist nichts anderes als ein Weiter-so mit leichten Korrekturen. Wäre Trump ehrlich, würde er sagen, dass er im Augenblick nur improvisiert.“

„Leipziger Volkszeitung“:

„Nun weihevoll von einer völlig neuen Afghanistan-Strategie zu sprechen, wäre übertrieben. Zwar betonte die Regierung gestern, es seien mehrmonatige Debatten vorausgegangen. Doch militärisch gesehen, geschieht streng genommen nichts Neues. Politisch aber beruhigt Trump mit diesem Schachzug die Lage - sowohl im Inneren als auch in den außenpolitischen Beziehungen.“