Albertina-Kurator Gnann: „Raffaels Figuren sind immer auch Denkende“

Wien (APA) - Raffael - das ist einer der klingendsten Namen der Kunstgeschichte. Die Albertina widmet diesem Meister der italienischen Hochr...

Wien (APA) - Raffael - das ist einer der klingendsten Namen der Kunstgeschichte. Die Albertina widmet diesem Meister der italienischen Hochrenaissance ab 29. September eine umfassende Ausstellung. Kurator Achim Gnann erläutert im Gespräch mit der APA das Konzept der Schau, die 128 Zeichnungen und 18 Gemälde aus allen Schaffensphasen zeigt, und versucht, das zeichnerische Genie Raffael in Worte zu fassen.

APA: Herr Gnann, wie viele Jahre Vorbereitung gehen der von Ihnen kuratierten Raffael-Ausstellung voraus?

Achim Gnann: Mit Raffael beschäftige ich mich seit den 90er-Jahren. Die Idee zu diesem Projekt wurde vor vier Jahren geboren. Die Ausstellung ist ja eine Kooperation mit dem Ashmolean Museum in Oxford, das die größte Anzahl von Raffael-Zeichnungen überhaupt besitzt. Ich habe die dortige Kuratorin gefragt, ob wir unsere Bestände als Kern einer gemeinsamen Schau nehmen wollen - und sie war davon begeistert. Das Ergebnis beider Ausstellungen ist aber vollkommen anders, da die Konzepte verschieden sind und wir in der Albertina auch Gemälde zeigen.

APA: Wie ist der Albertina-Bestand einzuordnen?

Gnann: In Oxford hat man etwas mehr als 90 Zeichnungen, wir haben um die 50. Wir gehören damit schon zu einem der führenden Museen in dem Bereich.

APA: Gab es so eine Raffael-Ausstellung schon einmal in Österreich?

Gnann: In dieser Art noch nicht, insofern als sie monografisch angelegt ist, also das gesamte Werk Raffaels mit Zeichnungen und Gemälden aus der ganzen Welt dokumentiert wird. Vorher gab es in Österreich Ausstellungen, die sich auf spezielle Schaffensphasen oder rein auf den Albertina-Bestand beschränkt haben. Auch international ist die Ausstellung sicher seit Jahrzehnten einzigartig. Ich kann mich an etwas Vergleichbares jedenfalls nicht erinnern. Und es wird so etwas wohl auch nicht so bald wieder gelingen.

APA: Was ist die Grundthese der Ausstellung? Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse konnte man gewinnen?

Gnann: Ein spezieller Fokus liegt auf den verschiedenen, klar einzugrenzenden Entwurfsschritten. Wir möchten diesen prozessualen Charakter von der ursprünglichen Idee bis zum endgültigen Entwurf in allen Etappen dokumentieren und mit dem ausgeführten Werk vergleichen, um den kreativen Ablauf nachvollziehbar zu machen. Und es gibt doch auch einige neue Raffaels, die ich hier vorstelle.

APA: Sie haben Zuschreibungen geändert?

Gnann: Raffael war extrem ausgelastet und hat in seiner späten Schaffenszeit eine große Werkstatt gehabt. Diese Werkstatt hat sich natürlich zeichnerisch eng an den Meister angelehnt. Das hat dazu geführt, dass man viele Werke auf diese Schüler aufgeteilt hat. Da war einiges an präzisierender Forschungsarbeit zu machen.

APA: Was sind die Charakteristika Raffaels, die dazu führen, ein strittiges Blatt dem Meister selbst zuzuschreiben?

Gnann: Es geht bei jedem Künstler darum, eine Art Persönlichkeitsprofil zu erstellen und zu sagen: Wie zeichnet er? Was sind seine Stärken? Wie geht er mit dem Raum um? Wie bewegen sich seine Figuren? Dann muss man schauen, ob sich diese Charakteristika mit jenen Werken, die bekannt und sicher sind, auch vereinbaren lassen. Und dann gilt es, das Gleiche mit seinen Schülern zu machen, ihre Vorzüge, aber auch ihre Begrenzungen zu erkennen. Man muss sehen, ob dieses eine Blatt für den Schüler auch möglich ist. Diese Arbeit ist auf jeden Fall zu machen, sonst wird das Ganze Spekulation.

APA: Was macht das Persönlichkeitsprofil Raffaels aus? Was könnte sich im Idealfall dem Besucher vermitteln, damit er das zeichnerische Genie Raffaels erkennt?

Gnann: Das Einzigartige von Raffael war, dass er von Anfang an eine unglaubliche Fähigkeit hatte, die Figuren eigenständig und vollkommen raumhaft agieren zu lassen. Die Figuren von Raffael sind immer Figuren, die ein Ich-Bewusstsein haben, das sie völlig frei und selbstbestimmt handeln lässt. Das haben zu dieser Zeit andere Künstler in dem Maße nicht. Raffaels Figuren sind immer auch Denkende, Fühlende, mit einem inneren Leben ausgefüllte Figuren und wirken als solche auf den Umraum. Raffael setzt die Linien und Schraffuren so ein, dass er mit geringsten Mitteln den Körper, die Bewegung, die räumliche Anlage wiederzugeben vermag, ohne je Überflüssiges auszudrücken. Diese extreme Sparsamkeit der Linienführung für ein Höchstmaß an Wirkung ist einzigartig. Dann ist Raffael ein Künstler, der viel von anderen Künstlern aufnimmt, fast schon aufsaugt, und in der Verarbeitung dessen aber zu komplett neuen Lösungen kommt. Und er ist ein Künstler, der immer wieder für Harmonien sorgt. Was er macht, sind keine Sachen, die von vornherein schön sind, es gibt Spannungen, Probleme, eine Auseinandersetzung, die sich aber in der Komposition auflöst und zur Harmonie führt. Diese Harmonie hat eine unglaubliche Kraft, die weiterwirkt. Er idealisiert, er findet aber in diesem idealen Ausdruck Allgemeingültiges und Dauerhaftes. Das bringt eine Vorstellung von Harmonie und Schönheit, die vor ihm noch nie da war.

APA: Können diese Zeichnungen damit als Gegen- oder Ruhepol für unsere Zeit dienen, die geprägt ist von Unruhe, Chaos und Angst?

Gnann: Unbedingt, dazu muss man aber willens sein, hinzuschauen und sich hineinzuvertiefen. Menschen, die nur auf schnelle und brutale Effekte reagieren, werden das Harmonische nicht sofort entdecken.

APA: Sie haben 2010 eine Michelangelo-Schau in der Albertina kuratiert, nun Raffael. Fehlt nur noch eine Leonardo-Ausstellung?

Gnann: Eine unserer Zeichnungen von Leonardo ist etwa briefmarkengroß, die andere dann schon etwas größer. Es wäre schwer, daraus eine saalfüllende Exposition zu machen. (lacht) Aber im Ernst: Als Wissenschafter habe ich immer den Anspruch, auch Neuland zu betreten. Da bin ich bei Leonardo sicher noch lange nicht so weit, aber reizen würde es mich ungemein.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - „Raffael“, Ausstellung in der Albertina, 29. September 2017 bis 7. Jänner 2018, täglich 10-18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr, Kuratorenführung mit Achim Gnann: 15. November, 17.30 Uhr, www.albertina.at)

(B I L D A V I S O - Fotos zur Raffael-Ausstellungen stehen auf der Albertina-Homepage zum Download bereit: http://www.albertina.at/jart/prj3/albertina/main.jart?rel=de&content -id=1427714406675&reserve-mode=active&j-cc-node=item&j-cc-id=1455214 727784&j-cc-item=ausstellungen&ausstellungen_id=1455214727784)