Salzburger Festspiele - Hinterhäuser hat „viel Dank erfahren“ 1

Salzburg (APA) - Die großen Premieren sind geschlagen. Die letzte Vorstellung der diesjährigen Salzburger Festspiele gilt am 30. August eine...

Salzburg (APA) - Die großen Premieren sind geschlagen. Die letzte Vorstellung der diesjährigen Salzburger Festspiele gilt am 30. August einer konzertante Aufführung von Gaetano Donizettis „Lucrezia Borgia“. Im Interview mit der APA spricht Intendant Markus Hinterhäuser über die Lehren aus seinem ersten Jahr - und über jene Künstler, denen wir auch in den kommenden Jahren in Salzburg begegnen werden.

APA: Herr Hinterhäuser, ist Ihr Gefühl so kurz vor Ende dieser Spielzeit ein anderes als in Ihrem Interimsjahr 2011?

Markus Hinterhäuser: Es fühlt sich definitiv anders an. Dieses Jahr war zur Gänze von mir verantwortet, 2011 war es das nur in großen Teilen. Und es ist ein erstes Jahr, das heißt, es gibt eine andere Perspektive.

APA: Was sind Ihre Erfahrungen, die Sie aus dieser Auftaktsaison mitnehmen können für die weiteren Jahre?

Hinterhäuser: Ich habe gelernt, dass man ein großes Glück empfindet, wenn Produktionen entstehen und nicht einfach hergestellt werden. Dass es gelingt, einen Pakt mit dem Publikum einzugehen, wenn man ihm den Respekt entgegenbringt, den es verdient, wenn man es intellektuell und im Herzen in aufrichtiger Weise fordert. Den Menschen, die zu den Festspielen kommen, sollte man nicht das Gefühl geben, wandelnde Kreditkarten zu sein, dann kommt viel an Empathie und Freundschaft zurück.

APA: Diesem Publikum haben Sie sehr viel Reibung mit der Gegenwart ermöglicht. Gab es nie Stimmen, die gesagt haben: Das ist ja alles schön und gut, aber wo bleibt denn das Fröhliche, das Unbeschwerte?

Hinterhäuser: Nein, mit einem solchen Einwand bin ich in diesem Sommer kein einziges Mal konfrontiert worden. Ganz im Gegenteil, ich habe sehr enthusiastische und mit großer Sympathie der Sache zugewandte Reaktionen erlebt und tatsächlich viel Dank erfahren. Menschen spüren doch sehr genau, wenn es um etwas geht. Wir haben uns in diesem Jahr mit den Phänomenologien der Macht auseinandergesetzt und zum Denken und Mitdenken aufgefordert. Es ist ein großer Schritt, dass man die Festspiele als ein Kraftfeld des Nachdenkens über unsere Welt positioniert.

APA: Welche Strategien der Macht hat der Intendant selbst heuer aufwenden müssen? Gab es Krisenmomente, wo Sie als Manager, als Seelentröster, als Künstlerbetreuer gefordert waren?

Hinterhäuser: Ein Intendant ist in weitesten Sinne immer auch als Psychologe gefordert. Aber ich kann sehr gesichert sagen, dass es erstaunlich wenige Momente der Friktion gab, erstaunlich wenige Momente der Labilität. Es waren sehr stabile Festspiele. Ich bin in dieser Hinsicht fast schon beängstigend wenig gefordert worden.

APA: Zeichnet sich ab, an welchen Programmlinien Sie weiterarbeiten werden? Bei der Häufung der ungewöhnlichen Regiekonstellationen, also dem Engagieren von Künstlern anderer Sparten für die Regie, meinten Sie ja, dies sehr mehr oder weniger Zufall gewesen?

Hinterhäuser: Natürlich hat das alles mit Überlegungen zu tun, wer für welches Stück eine faszinierende, interessante, richtige Lösung sein könnte. Das folgt aber keinem Fünfjahresplan. Ich leite ja keine Kolchose. Die Prämisse von allem ist, eine Konstellation zu suchen, die wir in diesem Moment für richtig finden. Dass in diesem Jahr zwei Vertreter der bildenden Kunst zu erleben waren, ist eine Fügung, die so bestimmt nicht wiederholbar ist.

APA: Solche Konstellationen bergen auch Risiken. Bei der als sehr statisch empfundenen „Aida“ wurde darüber spekuliert, ob sich Dirigent Riccardo Muti vielleicht zu sehr gegenüber der Regienovizin Shirin Neshat durchgesetzt hat.

Hinterhäuser: Das ist definitiv nicht der Fall gewesen. Ich glaube, dass Shirin Neshat eine sehr bemerkenswerte und konsequente Entscheidung getroffen hat, die „Aida“ von allem Dekorativen zu befreien, eine sehr minimalistische Herangehensweise, die in letzter Konsequenz fast etwas Oratorisches gehabt hat. Das hat mit Statik gar nichts zu tun. Das ist eine künstlerische, ästhetische und auch politische Entscheidung, der ich den größten Respekt entgegenbringe. Allein die Tatsache, dass im Triumphmarsch niemand auch nur eine Nanosekunde marschiert, ist ein Geschenk des Himmels. Großartig! Wir leben ja in einer Welt, in der zu viel marschiert wird...

APA: Es gibt auch neue Publikumslieblinge in Salzburg. Der Dirigent Teodor Currentzis etwa, der Regisseur Simon Stone, die Sängerin Marianne Crebassa...

Hinterhäuser: Ja, ich halte etwa auch Asmik Gregorian, die Marie in „Wozzeck“, für eine ganz großartige Entdeckung für die Salzburger Festspiele. Oder den Pianisten Igor Levit, der hier denkwürdigste Konzerte gespielt hat.

APA: Sind das Künstler, mit denen Sie weiterarbeiten werden?

Hinterhäuser: Ganz bestimmt, und es gibt schon sehr konkrete Pläne, zu denen ich allerdings jetzt noch nichts sagen möchte. Wir müssen auch langsam einen Generationswechsel einleiten. Das hat gar nichts mit mangelndem Respekt für die Generation, die Gott sei Dank noch immer da ist, zu tun. Ich bin überglücklich, wenn jemand wie Herbert Blomstedt oder Bernard Haitink hier noch dirigiert. Aber man muss diesen notwendigen Wechsel behutsam herbeiführen. Das ist eine der interessantesten Herausforderungen.

APA: Lässt sich das bis zu einem Artist in Residence Prinzip ausweiten?

Hinterhäuser: Nein, davon halte ich gar nichts. Das hat eine Zeit lang durchaus eine Faszination gehabt, kann aber auch zu einer gewissen Intendantenträgheit führen. Ich fühle mich durchaus in der Lage, mein Programm selber zu machen und nicht wesentliche Teile jemandem mit einer Carte blanche zu übertragen.

APA: Intendantenträgheit ist wohl das Letzte, das man Ihnen vorwerfen kann. Sie waren heuer am Anfang und gegen Ende der Festspiele auch selbst als Pianist im Einsatz - etwas, was wohl viel zusätzliche Energie und Konzentration erfordert. Wollen Sie damit signalhaft Teil Ihres Programms sein? Und werden Sie das weiterführen?

Hinterhäuser: Das kann ich so konkret nicht beantworten. Es wird wohl wieder das eine oder andere Mal sein, aber das sind immer sehr spezielle Dinge. Ich gebe zu, es ist ein nicht unbeträchtlicher Zusatzstress für mich, dem ich mich aber gerne unterwerfe - weil es schön ist, mit Künstlerfreunden das eine oder andere gemeinsam zu machen, und weil es einfach schön ist, auch Klavier zu spielen.