„Die beste aller Welten“: Frühes Leid und tödliche Drogen

In seinem sensationellen Kinodebüt „Die beste aller Welten“ erzählt der Regisseur Adrian Goiginger von seiner Kindheit im Salzburger Drogenmilieu.

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Innsbruck — Die schönsten Momente erlebt der siebenjährige Adrian (Jeremy Miliker) an der Salzach. Mit Günter (Lukas Miko), dem Lebensgefährten seiner Mutter Helga (Verena Altenberger), sammelt er Holz für ein Lagerfeuer. Die Krönung des Abenteuers ist eine Schachtel mit Schweizerkrachern, damit lässt sich auch in der Schule auftrumpfen. Plötzlich ziehen sich Helga und Günter mit ihren Freunden zurück, taumeln in eine Welt zwischen Koma und Glückseligkeit. Verloren stochert das Kind im Ufersand und in seinen bisherigen Erfahrungen, gegen den schrecklichen Anblick der Erwachsenen hilft ihm ein Jäger im Steinzeitkostüm, der auf der Suche nach dem „Dämon" durch die Wildnis streift. Helgas Wohnung sieht mit verhangenen Fenstern wie eine Höhle aus, die sich vor den Besuchen des Sozialarbeiters in eine kindgerechte Behausung verwandeln muss. Um Adrian behalten zu können, versucht Helga einen „kalten Entzug", kündigt dem Kind eine heraufziehende Erkrankung an, um Schmerzen und Krämpfe erklären zu können.

Im vielversprechendsten Kinodebüt der letzten Jahre erzählt Adrian Goiginger vom Elend seiner Kindheit im Salzburger Drogenmilieu. Es ist seine Mutter, die den übermenschlichen Kampf gegen die tödlichen Drogen führt und — 1999 gewinnt. Der Film ist aber auch eine Hommage, denn trotz ihrer Sucht war es der Mutter gelungen, für Adrian „Die beste aller Welten" zu entwerfen.

Autoren und Regisseure greifen in ihren Erstlingswerken häufig auf persönlich Erlebtes zurück. So explizit, wie Sie das tun, ist aber doch die Ausnahme.

Adrian Goiginger: Es war nicht von vorneherein klar, dass ich in meinem ersten Film meine Kindheit verfilmen möchte. Ich habe bemerkt, dass es wenige gibt, die das erlebt haben, was ich erlebt habe, und dann als Erwachsene in der Lage sind, reflektiert davon zu erzählen. Die meisten, die mit drogensüchtigen Eltern aufwachsen, kippen auch irgendwie rein.

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Adrian Goiginger arbeitet seine Familiengeschichte auf.
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Die Prognosen für Drogensüchtige sind eher ungünstig. Es gebe nur „hoffnungslose Fälle, aber keine hoffnungslosen Menschen", lassen Sie Ihren Stiefvater im Film sagen, dem wie Ihrer Mutter der Ausstieg gelungen ist, beide konnten sich retten.

Goiginger: Genau, das ist voll die Ausnahme, deshalb bin auch ich rausgekommen. Der Günter mag den Buben und er spielt mit ihm, aber die Vaterrolle kann er nicht einnehmen, weil er in seiner Sucht gefangen ist. Es war die Fantasie, mit der ich den Weg zurückgefunden habe. Also das Kind verarbeitet diese Erlebnisse durch die Fantasie. Sonst ist es für ein Kind viel zu viel, was in dieser Suchtwelt abgeht. Ein Kind sucht sich immer Möglichkeiten, schlimme Sachen zu bewältigen. Bei mir war es so, dass die Mutter viel abgefangen hat, die mir das in einer kindgerechten Sprache verständlich gemacht hat. Man kann das mit dem Film „Das Leben ist schön" von Roberto Begnini vergleichen, in dem es ein Vater schafft, für seinen Sohn das Leben im KZ als Spiel zu tarnen. So ähnlich hat das auch meine Mutter geschafft.

In der Filmgeschichte gibt es eine Reihe von Drogenfilmen, von „Easy Rider" bis „Requiem for a Dream", in denen der Vorgang oder die Wirkung der Drogen ästhetisiert wird. Hatten diese Filme einen Einfluss bei der Entwicklung?

Goiginger: Mir war immer klar, dass ich das alles nicht machen möchte, keine Drogenfilmklischees bedienen möchte. Der springende Punkt ist die Perspektive. Der Film wird ja aus der Sicht eines Siebenjährigen erzählt. Ein Kind stilisiert ja keine Drogen, weil es gar nicht weiß, was Drogen sind. Deshalb wollte ich auch keine Spritzen zeigen und man braucht sie auch gar nicht. Man ist immer bei dem Kind dabei Ich finde es viel spannender, wenn man sieht, was die Drogen mit der Mutter machen, was für Schwierigkeiten entstehen, als dass man zeigt, wie man sich Spritzen setzt. Deshalb habe ich das alles bewusst weggelassen.

Einer der Süchtigen im Film entdeckt Jesus und wird zum Prediger.

Goiginger: Ich habe selber nie Drogen genommen, aber was ich bei Drogensüchtigen gesehen habe, wenn man den Entzug nur auf das Körperliche herunterbricht, dann scheitert man. Das hat man leider oft gemacht, besonders in den 90ern, weil man gedacht hat, körperlich clean werden, dann wird es schon passen. Es ist aber so, dass man nur süchtig wird, wenn man psychisch ein Problem hat oder eine seelische Leere oder Unruhe und man muss die Suchtursache und nicht nur die Auswirkung bekämpfen. Und was ich beobachtet habe, bei vielen Menschen ist Gott in ihr Leben gekommen. Es war dann der Glaube, der diese Leere und Verzweiflung geheilt hat.

So funktionieren auch Sekten, wenn sie eine Sucht durch eine andere ersetzen.

Goiginger: Genau, das ist auf jeden Fall gefährlich.

Wie hat Ihre Familie auf das Filmprojekt reagiert?

Goiginger: Der Günter, mein Stiefvater, war total dafür, obwohl er im Film nicht gut wegkommt. Aber es ist seine Lebensgeschichte. Meine Großeltern waren auch dafür, obwohl es für sie schwierig ist, weil es auch um ihre verstorbene Tochter geht. Meine Mutter ist ja 2012 gestorben. Also meine Oma schafft es nicht, den Film zu sehen. Aber sie haben mich alle bei dem Projekt unterstützt. Das sind ja die Einzigen, die mit ihren Namen genannt werden. Bei den Figuren außerhalb meiner Familie habe ich die Namen geändert. Die sind inzwischen fast alle gestorben und da wollte ich die Verwandten oder Nachfahren der Drogensüchtigen nicht nachträglich belasten.

Nach den Festivalerfolgen Ihres Films müssen Sie sich um die Finanzierung des zweiten Films keine Sorgen machen. „Die beste aller Welten" hat neben dem sozialen Drama und der Komik auch Horrorelemente. Was wird es werden?

Goiginger: Mein nächstes Projekt wird ein Drama über die Zwischenkriegszeit in Österreich. Ich möchte die Geschichte meines Urgroßvaters erzählen, ich arbeite also quasi meine Familienmitglieder ab.

Das Gespräch führte Peter Angerer


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