Teamchefs Tost und Steiner fristen glückliches Schattendasein

Die Formel-1-Teamchefs Franz Tost (Toro Rosso) und Günther Steiner (Team Haas) vereint mehr als nur die nahe liegende Heimat in Nord- und Südtirol. Die TT traf beide vor dem anstehenden Grand Prix in Singapur.

Seit drei Jahren mit dem Team Haas am Start: der Meraner Günther Steiner.
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Von Daniel Suckert

Innsbruck — Der eine nannte schon in seiner Schulzeit die Motorsporthefte seine Bibel (Tost), der andere liebte jede Form von PS-Rennen (Steiner). Die Geburtsorte der beiden Formel-1-Teamchefs sind nur durch 49 Kilometer Luftlinie getrennt. Und es gibt auch sonst nur wenig, was den Trinser Franz Tost vom Meraner Günther Steiner unterscheidet. Augenblicklich haben Tost und Steiner sogar beinahe dieselbe Gemütslage. Vor dem Singapur-Rennen am Sonntag (14 Uhr, ORF eins) plagt Tost und Toro Rosso ein PS-Defizit, Steiner und seinem Haas-Team bereiten die Bremsen Kopfzerbrechen — obwohl der US-amerikanische Rennstall sieben Punkte mehr auf dem Konto hat als zur selben Zeit vor einem Jahr.

Kurz auf der Überholspur, ein Verbremser, dann ein Motorschaden und wieder zurück zum Start — der Kampf im Mittelfeld der reichsten PS-Serie der Welt kostet jede Menge Nerven und braucht viel Ausdauer und Leidensfähigkeit. Das verbindet den Nord- und den Südtiroler. Beide tragen die ungebremste Leidenschaft für den Sport jenseits der 900 Pferdestärken in sich.

Und da gibt es etwas in ihnen, das stärker ist als jeder Rückschritt: die Hingabe, Teams und junge Fahrer über Jahre aufzubauen und zu entwickeln. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Lebensläufe von Tost und Steiner. An den Tiroler Genen soll das übrigens nicht liegen. „Vielleicht ist man in Nord- und Südtirol williger, harte und risikoreiche Arbeit zu verrichten", meint Tost mit einem Lächeln. Sein Haas-Pendant bläst in dasselbe Horn: „Über Gene weiß ich nichts. Aber Franz und ich sind Typen, die gerne hart arbeiten und die Sachen anpacken, die vielen zu risikoreich sind."

Der Weg in die höchste Rennserie ist unterschiedlich: Während Tost selbst im Cockpit (Formel 3/bis 1985) saß, begann Steiner 1986 als Mechaniker in der Rallye-Szene. Nach der aktiven Zeit wechselte der heutige Toro-Rosso-Teamchef ins Management, betreute zwischendurch sogar Ralf Schumacher, den Bruder des Rekordweltmeisters Michael. Anfang des neuen Jahrtausends arbeitete Tost bei BMW — seit 2006 entwickelt der 61-Jährige bei Toro Rosso die Stars von morgen für das Tochterteam Red Bull.

Seit elf Jahren bei Toro Rosso: der Trinser Franz Tost.
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Das Team Haas versucht mit Steiners Erfahrung im dritten Formel-1-Jahr den Anschluss an die Spitze zu schaffen. Für den 52-Jährigen eine Herausforderung, die er annimmt. 15 Jahre (1986—2001) lang arbeitete er sich vom Mechaniker ins Management hoch — danach folgte der Ruf von Niki Lauda und Jaguar (2001—03): „Dass ich irgendwann im Milliardengeschäft Formel 1 lande, den Plan hatte ich nie. Aber das Schöne am Leben ist: Man weiß nie, was kommt."

Nach einem kurzen Sprung zu Opel kam er 2005 zurück in die Formel 1, als Red Bull Jaguar übernahm. Ein Jahr später nützte Steiner die Chance, ein NASCAR-Team für den Brausehersteller aufzubauen. Der Umzug nach Übersee rentierte sich, heute steht er an der Kommandobrücke beim amerikanischen Team: „Ich hatte die Chance, so viele Projekte bei null zu starten. Diese Möglichkeit hat nicht jeder", sagt der Meraner mit leuch­tenden Augen.

Und da überschneiden sich die Aufgaben der erfahrenen PS-Füchse. Ob Toro Rosso oder Haas — beide Rennställe fristen ein Mittelfeld-Dasein. Dort wird um jeden Punkt und jeden Funken Aufmerksamkeit hinter den Großen, Mercedes oder Ferrari, gekämpft. „Die neue Formel 1 funktioniert, weil es einen Zweikampf an der Spitze zwischen zwei Teams gibt", analysiert Tost und fügt an: „Und alles, was der Königsklasse guttut, spüren auch wir im Mittelfeld."

Womit sich sowohl Tost als auch Steiner jedoch herumschlagen müssen, ist der Vorwurf der zu großen Nähe zu großen Teams. Toro Rosso und Red Bull fällt nicht weniger oft als die Verbindung Haas und Ferrari. Steiner: „Warum werde ich kritisiert, wenn ich smart bin und um Unterstützung anfrage? Wir haben nicht vor, nach drei, vier Jahren wieder alles zuzusperren, wie es schon andere Rennställe gemacht haben. Darum verstehe ich die Kritik nicht."

Ein Lächeln kommt bei beiden Herren erst wieder auf, als es um den möglichen Einstieg von Tirols Aushängeschild Lucas Auer in die elitäre Rennserie geht. Während für Tost „alles an Mercedes liegt", sieht Steiner in Auers berühmtem Onkel Gerhard Berger die große Chance: „Wenn das einer hinbekommt, dann der Gerhard. Er kennt die Leute und das Geschäft in- und auswendig. Das ist ein Vorteil für Lucas."

Keinen Vorteil würden beide darin sehen, irgendwann einmal in die Top-Riege bei Mercedes und Co. aufzusteigen. Da sind sich die „alten Hasen" einig: „Da, wo ich bin, da bin ich glücklich."

Außer Toro Rosso oder Haas würden sich sportlich in den Windschatten von Ferrari und Co. setzen. Etwas, was Ross Brawn, zuständig für die sportliche Seite der Königsklasse, unbedingt verwirklichen will. Der Brite strebt eine Budget-Obergrenze von 150 Millionen Euro an. Tost: „Das wäre realistisch. Summen jenseits der 500 Millionen Euro sind hirnrissig. Vor allem für eine Technologie, die nicht eins zu eins weitergegeben werden kann." Das sieht auch Steiner so: „Wenn solche Änderungen kommen, dann wird vieles möglich sein."

Steckbriefe

Günther Steiner (Teamchef Haas)

geboren: Meran, 1965; Rallye: vom Mechaniker zum Manager (1986—2001); Formel-1-Einstieg: Jaguar (2001—03), Red Bull (2005); NASCAR: 2006—2008; Rückkehr Formel 1: beim US-amerikanischen Rennstall Haas (2014).

Franz Tost (Teamchef Toro Rosso)

geboren: Trins, 1956; Studium: Sportwissenschaft und Management (1982—85); aktiv: Meister in der österreichischen Formel Ford (1983); Manager u. a.: Walter Lechner Racing, EUFRA Racing, WTS Formel 3, BMW Williams F1; seit 2006 bei Toro Rosso.


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