Ein leises Ausrufezeichen weit nach Mitternacht

Streng geheim und generalstabsmäßig geplant: In der Nacht von Sonntag auf Montag wurde das Innsbrucker Haus der Musik inoffiziell erstbespielt.

© screenshot youtube

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Wo sie denn seien, die jungen Vertreter der hiesigen Kulturszene, fragte sich Innsbrucks Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer kürzlich im Interview mit der TT. Nun, jetzt hat einer der Gesuchten ein Ausrufezeichen gesetzt. Und das mitten hinein in die „größte Kulturbaustelle Tirols“. In der Nacht von Sonntag auf Montag wurde Innsbrucks Haus der Musik erstbespielt. Streng geheim und doch in generalstabsmäßig geplantem großen Rahmen brachte der Innsbrucker Akkordeonist Ferdinand Holzmann eine Arabeske des dänischen Komponisten Leif Kayser im Konzertsaal des Rohbaus zur Aufführung. Ein Video, das am Donnerstagnachmittag veröffentlicht wurde, dokumentiert den Auftritt, der für den Musiker durchaus ein juristisches Nachspiel haben könnte.

Denn eine offizielle Genehmigung für das Projekt in der unter anderem durch Bewegungsmelder gesicherten Baustelle gab es nicht. Sowohl rund 15 Polizisten, die während der Aufbauarbeiten anrückten, sowie ein Angestellter eines privaten Sicherheitsunternehmens ließen sich allerdings von Holzmanns Hinweis, dass es sich um die Vorbereitung des Baustellenkonzerts beim Theaterfest am kommenden Sonntag handle, überzeugen. Der Sicherheitsdienstmann habe sogar beschlossen, „uns die Arbeit zu erleichtern, indem er die Alarmanlage abschaltete“, sagt Holzmann im Gespräch mit der TT. Eine selbst ausgestellte „Auftragsbestätigung“ sowie ein Lieferwagen, den das Logo der „Oceans Films Productions“ – eine Anspielung auf den Film „Oceans Eleven“ – zierte, dürften der Glaubwürdigkeit des Musikers nicht geschadet haben.

Selbst seine insgesamt fünf Teamkollegen, die beim Aufbau mithalfen, hätten nicht gewusst, dass es sich um ein illegales Konzert handle, versichert Holzmann. Und legt großen Wert darauf, dass durch das Kunstprojekt, trotz des beträchtlichen Aufwandes – gedreht wurde mit fünf Kameras, Kran und Luftfahrtdolly, großen Leuchtkörpern und professionellem Ton­equipment – kein Sachschaden entstanden sei. „Als wenige Stunden danach die Bauarbeiten weitergingen, hat niemand gemerkt, dass überhaupt etwas passiert ist.“

Außerdem sei es ihm wichtig zu unterstreichen, dass es keine Aktion gegen irgendetwas gewesen sei – und „gegen das Haus der Musik schon gar nicht“. Im Gegenteil: „Es ging darum, aufzuzeigen, dass es in Innsbruck nach wie vor eine Subkultur-Szene gibt. Vor allem aber wollte ich zeigen, was die Szene kann: ein zeitgenössisches Stück in angemessenem Arrangement und professionellem Rahmen zur Aufführung bringen“, sagt Holzmann. Es sei nicht darum gegangen, ein Haus zu besetzen und irgendetwas zu fordern: „Ich fordere gar nichts, sondern zeige auf, dass auch die alternative Szene ihre Hausaufgaben gemacht hat.“

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Trotzdem: Die Erstbespielung eines neuen Konzertsaales, zumal eines so prestigeträchtigen, ist eine heikle Sache. Hat Holzmann das Baustellenkonzert des Tiroler Symphonieorchesters seines Werts beraubt? Er findet nicht: „Ich wollte niemandem etwas wegnehmen. Ich bin nicht ’reingegangen, habe den ,Hochzeitsmarsch‘ gespielt und ,Erster‘ gesagt.“ Vielmehr verstehe er seinen Auftritt als „Einstimmung auf das offizielle Eröffnungskonzert“. Auch deshalb habe er sich für Leif Kaysers erste Arabeske entschieden: „Eine zeitgenössische Ouvertüre, die dem, was ihr folgt, nichts nimmt.“

Auf mögliche Folgen seiner Aktion ist Ferdinand Holzmann vorbereitet. Er wäre nicht der erste Künstler, dem seine Arbeit eine Anzeige einbringen könnte. „Das“, sagt er, „muss einem die Kunst schon wert sein.“


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