#MeToo: Ein Hashtag im Kampf gegen das Schweigen der Männer

Hollywood-Mogul Harvey Weinstein hat den Sexismus nicht erfunden. Der Skandal um seine Person hat lediglich dazu geführt, dass ein oft belächeltes und lange verschmähtes Tabuthema nicht mehr ignoriert werden kann. Der Hashtag #metoo in sozialen Medien verdeutlicht die Tragweite eines gesellschaftlichen Problems.

Stopp der Belästigung.
© iStock

Von Marina Rehfeld und Monika Schramm

Innsbruck — Empörung, Wut, Entschlossenheit: Das Grollen, das derzeit durch soziale Medien geht, ist kaum zu überhören. Den Frauen reicht es. Mit dem Hashtag #metoo („ich auch") geben sich Zehntausende im Internet als Opfer sexueller Übergriffe von Männern zu erkennen. Im Sekundentakt erscheinen auf Twitter und Facebook dutzende neue Kommentare zum Thema — mit dem Lesen kommt man kaum nach.

Ausgelöst wurde die Flut der Einträge zum Thema durch Schauspielerin Alyssa Milano („Wer ist hier der Boss?", „Charmed — Zauberhafte Hexen").

In einem Tweet schrieb die 44-Jährige: „Wenn alle Frauen, die sexuell belästigt oder genötigt wurden, 'Me too' als Status schreiben, könnten wir den Menschen das Ausmaß des Problems bewusst machen".

Eigentlich gibt es die Bewegung bereits seit zehn Jahren. Tarana Burke startete die Kampagne, nachdem sie selbst Opfer von sexueller Gewalt geworden war. Hier ihre Geschichte:

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Und wie es aussieht, ist das Problem so aktuell wie nie zuvor:

Milano bezog mit ihrem Twitter-Eintrag zum Skandal um Hollywood-Mogul Harvey Weinstein Stellung. Weinstein werden sexuelle Belästigung und auch Vergewaltigung mehrerer Schauspielerinnen vorgeworfen — und zwar im großen Stil. Mehr als zwei Dutzend Frauen, darunter Stars wie Angelina Jolie und Gwyneth Paltrow, meldeten sich mit entsprechenden Vorwürfen. Mindestens fünf Frauen erhoben zudem Vergewaltigungsvorwürfe.

Doch nicht nur in Hollywood löste das Bekanntwerden der scheinbar gängigen Widerwärtigkeiten des 65-Jährigen einen Sturm der Entrüstung aus. Plötzlich sprach die ganze Welt über ein Thema, das sonst häufig als übertriebene Hysterie der Frauen abgetan wurde: Sexismus. Durch die Aktion "MeToo" wurde aber schnell klar, dass es sich eben nicht um ein Randphänomen handelt, sondern um den Alltag unzähliger Frauen weltweit.

Ob Managerin, Verkäuferin, Schülerin, Arbeiterin oder Studentin - es scheint, als hätte fast jede Frau mindestens einmal im Leben Sexismus erfahren müssen. Oder wie Schauspielerin Lake Bell es vor einer Veranstaltung am Dienstag formulierte: "Ich glaube, 99 Prozent der Frauen hier wurden belästigt, sexuell belästigt oder sogar vergewaltigt." Nicht nur Vorgesetzte oder Arbeitskollegen werden als Täter genannt. Auch Verwandte, enge Freunde, flüchtige Bekannte, völlig Fremde.

Was Frauen auch berichten: Wenn sie sich Eltern oder Freunden anvertrauten, wollten diese die Vorfälle manchmal nicht ernst nehmen. "Stell Dich nicht so an, er war eben betrunken", "Er hat das sicher nicht so gemeint", "Solange er dir nicht weh getan hat, ist es doch nicht so schlimm": So schildern Betroffene die Reaktionen in ihren Tweets und Facebook-Postings.

Aber nicht nur Frauen, auch Männer werden Opfer von sexuellen Belästigungen. James Van der Beek ("Dawsons Creek") twitterte, dass ihm als junger Mann "ältere Typen an den Hintern fassten", ihn in eine Ecke drängten, ihn in "unangemessene sexuelle Gespräche" verwickelten. Zwei von ihnen wurden auch verurteilt.

Schon einmal hat eine Internetaktion auf Sexismus, Chauvinismus und Übergriffe aufmerksam gemacht. Nach den Sexismus-Vorwürfen gegen den deutschen FDP-Politiker Rainer Brüderle ging der Hashtag #Aufschrei durchs Netz und erzeugte ein gewaltiges Echo. Endlich, so schien es, wurde Frauen zugehört, wenn sie über Altherrenwitze und Schlimmeres klagten. Viele gaben an, erst ab da das wirkliche Ausmaß erkannt zu haben.


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