Romantische Träume im Elend von New Jersey

In Geremy Jaspers Kinodebüt „Patti Cake$“ triumphiert die australische Schauspielerin Danielle Macdonald als Rapperin in New Jersey.

© ABC

Von Peter Angerer

Innsbruck –Patricia Dom­browski (Danielle Macdonald) hat es geschafft. Der Hip-Hop-Superstar O-Z (Sahr Ngaujah) kündigt sie als Patti Cake$ auf der großen Bühne an. Als Patti mit ihrem Rap loslegt, beginnt das Publikum zu toben. Aber Show und Scheinwerfer sind ein Traum, O-Z hängt dafür als Poster über ihrem Bett. Barb (Bridget Everett), die Mutter, fingert frech in der Geldtasche ihrer Tochter, die, an diese Übergriffe gewöhnt, längst ein Versteck für größere Summen eingerichtet hat.

Auch in der Bar, in der Patti hinter der Theke arbeitet, antizipiert sie die Ereignisse, wenn Barb auf dem reibungslosen Nachschub von Magenbitter besteht. Jede Nacht endet auf der Toilette, wo die Tochter der knienden Mutter Kopf und Haare halten muss, um ein größeres Malheur in der vollgekotzten Keramik zu verhindern. Neben dem Job in der Bar muss Patti noch anderen prekären Beschäftigungen nachgehen, die Rechnungen für die medizinische Versorgung der Großmutter (Cathy Moriarty) können meistens erst im Stadium der letzten Mahnung bezahlt werden. Das ist für die junge Frau, eigentlich noch ein Teenager, schwer zu ertragen. Andererseits liefern diese Lebensverhältnisse viel Stoff für Songs, an denen sie mit dem Drogerie-Angestellten Jheri (Siddharth Dhananjay) arbeitet, schließlich konnte schon Bruce Springsteen mit seiner tristen New-Jersey-Herkunft aus dem Vollen schöpfen. Wenn Jheri auf der Kühlerhaube den Rhythmus klopft, verwandelt sich Patti schnell in Patti Cake$ oder in Killa P. Für die anderen Streuner auf den Straßen in der Nachbarschaft ist sie aber „Dumbo“, der Elefant mit den großen Ohren aus dem Disney-Trickfilm, der dafür mit magischen Kräften entschädigt wurde. Besonders gehässige Passanten, egal welcher Hautfarbe, greifen zu einem anderen Film, um die weiße Sängerin wegen ihres sozialen Status und ihrer Körperfülle zu verletzen: „Precious“.

Die Kommunikation über Filme ist auch das dramaturgische Prinzip in Geremy Jaspers Kinodebüt „Patti Cake$“, das beim diesjährigen Festival in Sundance ein Wettbieten der Verleiher auslöste. Im Sundance-Drehbuchlabor hatte auch die Geschichte des Films begonnen. Mit einem Stipendium konnte der Songschreiber Jasper unter der Anleitung von Quentin Tarantino sein Skript über den Triumph eines unscheinbaren, jeder Verachtung ausgelieferten Mädchens entwickeln. Für solche Erzählungen liefert das US-Kino natürlich einschlägige Vorbilder. Die Kunst – jenseits der Imitation – besteht nun darin, sich aus dem richtigen Archiv zu bedienen, wovon eben kein Regisseur mehr versteht als Tarantino.

Von „Rocky“ ist es kein weiter Weg zu Eminems „8 Mile“, da Boxer und Rapper gleichermaßen ihre Schlachten und ihre Gegner schlagen müssen. Patti kann sich als Aschenbrödel aus New Jersey in ihren „Battles“ schlagfertig gegen sexistische und rassistische Angriffe wehren, um ihr Märchen und ihre romantischen Träume ausleben zu können. Als ganz große Siegerin geht aus „Patti Cake$“ die australische Schauspielerin Danielle Macdonald hervor, der anzusehen ist, dass sie wie ihre Figur um ihr Leben kämpft.

TT-ePaper gratis lesen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaper

Kommentieren


Schlagworte