Sexuelle Belästigung: Grenzverletzung beginnt sehr früh

Männerforscher Paul Scheibelhofer fordert das Nachdenken über Rollenklischees schon im Kindergarten ein. Übergriffe auf Frauen seien ein Männerproblem.

Symbolfoto.
© Keystone

Ab welchem Alter sind Mädchen mit Belästigungen konfrontiert?

Paul Scheibelhofer: Schon unter Kindern kann es zu grenzverletzendem Verhalten kommen, wenn Mädchen etwa „im Spiel" zu sexualisierten Handlungen gedrängt werden. Sexualisierte Sprache und verbale Übergriffe unter Kindern werden oft im Volksschulalter zum Thema. Spätestens mit der Pubertät werden Mädchen zunehmend mit verbalen und anderen Formen von grenzverletzendem Verhalten durch Erwachsene konfrontiert.

Die Erziehung ist schon länger auf Mädchenförderung ausgerichtet, dennoch hat man nicht das Gefühl, der Umgang wäre weniger sexistisch.

Scheibelhofer: Man könnte auch fragen: Wo wären wir, wenn es die Bemühungen nicht gegeben hätte? Konzepte der geschlechtergerechten Pädagogik haben entscheidende Impulse für die Weiterentwicklung des Bildungssystems gesetzt. Hier sind wichtige Fortschritte erzielt worden, von denen Mädchen und Buben profitieren. Offensichtlich besteht aber weiterhin die Notwendigkeit, sich in der Schule mit Geschlechterfragen auseinanderzusetzen.

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Wie könnte man schon im Kindergarten aktiv für ein anderes Frauenbild eintreten?

Scheibelhofer: Mädchen müssen nicht für ein anderes Frauenbild „gewonnen" werden, sie bekommen Geschlechternormen ja erst von der Erwachsenenwelt vermittelt. Es geht darum, sich selbst zu fragen, wodurch wir Mädchen ein problematisches Frauenbild vermitteln und wie wir uns ändern können. Da gibt es viele Möglichkeiten, auch im Kindergarten.

Wie wichtig ist es, schon bei Buben lenkend einzugreifen?

Scheibelhofer: Sehr. Es kann nicht oft genug gesagt werden: Übergriffe gegen Mädchen und Frauen sind kein „Frauenproblem", sondern ein „Männerproblem". Stereotype Bilder davon, was ein „echter Mann" ist, begünstigen Übergriffe, indem sie Männern ein Anrecht auf Frauenkörper zusprechen. Damit Buben diese Bilder nicht übernehmen, gilt es, sie früh zu unterstützen.

Es heißt, Buben würden männliche Vorbilder fehlen.

Scheibelhofer: Ich sehe den Ruf nach mehr männlichen Vorbildern für Buben kritisch, wenn man glaubt, dadurch alle Bubenprobleme lösen zu können. Aber natürlich ist es bedenklich, wie abwesend Männer in der Kleinkinderziehung immer noch sind. Um dies zu ändern, braucht es gesellschaftliche Strukturen, die neue Männlichkeitsbilder fördern.

Das Interview führte Alexandra Plank


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