Uni Innsbruck

Geologe Michael Strasser: Erdbeben sind sein Kerngeschäft

© Foto Rudy De Moor / Tiroler Tage

Das neue Bohrkern-Labor macht die Uni Innsbruck zum Zentrum für die Erdbebenforschung.

Innsbruck –Wie eine langgezogene Nougat-Praline mit unterschiedlichen Lagen Kakaomasse liegt das Forschungsobjekt unter einem der drei Hochleistungsscanner im neuen Bohrkern-Labor der Uni Innsbruck. Zwar ist Michael Strasser Schweizer, aber das bedeutet nicht automatisch, dass er Experte für Süßes ist. Der Laborleiter blickt lieber ins Innere der Schichten von Schlamm aus dem Boden des Millstätter Sees in Kärnten und damit mehrere Jahrhunderte zurück: „Alles deutet darauf hin, dass wir 1348 ein größeres Erdbeben-Ereignis in den Schichten erkennen“, sagt der Geologe, der seit zwei Jahren in Innsbruck forscht und die gestern eröffnete „Austrian Core Facility für wissenschaftliche Bohrkernanalysen“ leitet.

750.000 Euro kosten die drei Scanner, darunter einer für hochaufgelöste Fotos, einer, der z. B. die Dichte durch radioaktive Strahlung misst, und einer, der chemische Elemente dank Röntgen erkennt – und alles, ohne das Gestein oder den Seeschlamm zu beschädigen. „Ein zwei Meter langer Bohrkern aus einem Bergsee liefert uns Daten über einen Zeitraum von 10.000 Jahren. Mussten wir diesen früher Schicht für Schicht bearbeiten, um chemische und physikalische Eigenschaften zu erhalten, können wir ihn nun in seinem Originalzustand scannen“, sagt Strasser.

Die Geologen seines Teams erfassen über die einzelnen Sedimentschichten, die sich quasi wie Jahresringe bei einem Baum aufbauen, historische und nicht aufgezeichnete Ereignisse wie Erdbeben oder Bergstürze. „Alpine Seeböden sind unser Archiv für die Umweltgeschichte. Sie sind so interessant, weil sie unberührt von Licht und Mensch geblieben sind.“

Für die Schweiz blickte Strasser durch seine Messmethoden auf seismische Großereignisse in den vergangenen 13.800 Jahren zurück. Ähnliches soll demnächst in Tirol möglich sein und erste Bohrkerne am Achensee sowie am Hechtsee wurden bereits entnommen. Ein Erdbeben wie vergangenen Freitag in Tirol hinterlässt keine Spuren, dafür dauerte es zu kurz und war von der Intensität zu schwach. „Doch die Idee ist, dass wir zum Beispiel analysieren, welche Spuren das schwere Erdbeben von 1670 in Hall im Achensee, im Hechtsee oder im Plansee hinterlassen hat.“

Wenn die Geologen umfassende Ergebnisse aus mehreren Tiroler Seen bekommen, helfen die Scanner zu verstehen, warum Erdbeben hierzulande entstehen – entweder als Folge des Gletschers, der vor Tausenden Jahren die ganzen Alpen bedeckte und abschmolz, oder weil die afrikanische Platte Richtung Europa drückt. Hängt es mit dem Gletscher zusammen, dürfte es in Zukunft weniger Beben geben. Um das herauszufinden, muss noch viel nougatähnlicher Schlamm aus Tiroler Seen gebohrt werden. (chris)

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