Vor Van der Bellen-Besuch: Papst mit Gegenwind konfrontiert
Vatikanstadt (APA) - Als der Papst „vom anderen Ende der Welt“ 2013 ernannt wurde, waren die Hoffnungen auf einen tief greifenden Wandel im ...
Vatikanstadt (APA) - Als der Papst „vom anderen Ende der Welt“ 2013 ernannt wurde, waren die Hoffnungen auf einen tief greifenden Wandel im Vatikan groß. Papst Franziskus hat in den ersten viereinhalb Jahren seines Pontifikats zwar wichtige Schritte zur Reform der Kurie gesetzt, die Resultate lassen in einigen Bereichen jedoch noch auf sich warten.
Vor seinem Treffen mit dem österreichischen Bundespräsidenten Alexander van der Bellen am kommenden Donnerstag (16. November) ist der argentinische Pontifex mit Kritik sowohl aus dem erzkonservativen, als auch progressiven Lager konfrontiert. Die streng konservative Front beschuldigt den Papst, an für unumstößlich gehaltenen Prinzipien des Katholizismus zu rütteln und bisher unantastbare Dogmen infrage zu stellen, vor allem in den Bereichen Ehe und Gerichtsbarkeit der lokalen Kirche. Die Befürworter einer Modernisierung der Kurie werfen dem Papst dagegen Zaghaftigkeit bei der Umsetzung seines Programms vor. Franziskus‘ Reformen würden auf der Stelle treten.
Viel Kritik ist der Papst wegen seines im April 2016 veröffentlichten Schreibens zu Ehe und Familie „Amoris Laetitia“ ausgesetzt, vor allem was den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen betrifft. Dem Papst geht es um ein genaues Hinsehen auf die individuellen Lebensrealitäten und -umstände der Betreffenden, auch wenn sich diese in einer sogenannten „irregulären“ Lebenssituation befinden. Franziskus hatte in seinem Schreiben zu mehr Barmherzigkeit aufgerufen und es den Ortskirchen anheimgestellt, über die Fälle individuell zu entscheiden. Grundsätzlich hält er aber an den katholischen Normen zur Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe fest.
Eine scharfe Attacke aus dem konservativen Lager musste der Papst im September mit der Veröffentlichung eines Schreibens von 62 Priestern, Theologen und Laien aus 20 Ländern mit harscher Kritik an der „Amoris laetitia“ hinnehmen. Darin verlangten die Schreiber eine Korrektur mehrerer angeblich „häretischer“ Passagen, vor allem in den Bereichen Ehe, dem moralischen Leben und dem Empfang der Sakramente. Zuvor hatten bereits vier Kardinäle, unter ihnen der mittlerweile verstorbene emeritierte Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner, wegen des Inhalts von „Amoris Laetitia“ Kritik am Papst geübt.
Die scharfe Offensive des konservativen Lagers ließ die Befürworter von Franziskus‘ Reformkurs nicht kalt. Gläubige, die Hoffnungen in den Modernisierungsprozess des Papstes legten, starteten im Oktober eine Petition zur Bestärkung von Franziskus‘ Reformweg, der inzwischen von 38.000 Personen unterzeichnet wurde. Initiiert wurde die Unterschriftensammlung vom Wiener Theologen Paul Zulehner, gemeinsam mit dem Prager Religionsphilosophen Tomas Halik. Zu den Unterstützern der Petition „Pro Pope Francis“ zählen etliche prominente Namen, darunter die der österreichischen Altbischöfe Paul Iby, Erwin Kräutler und Helmut Krätzl (Wien). Aus Österreich haben sich des Weiteren u.a. Ex-ÖVP-Vizekanzler Erhard Busek und Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl dem Brief angeschlossen.
Ein Dorn im Auge der Franziskus-Befürworter ist, dass die Finanzreformen im Vatikan auf der Stelle treten. Das Dikasterium für Wirtschaftsfragen, das als Motor für die Modernisierung des Finanz- und Wirtschaftssystems des Vatikan gedacht war, ist seit Juli führungslos, seitdem der „Wirtschaftsminister“ des Vatikans, der Australier George Pell, mit schweren Missbrauchsvorwürfen konfrontiert wird. Der Wirtschaftsprüfer Libero Milone trat im Juni nach zwei Jahren im Amt überraschend zurück. Im September erklärte er, er sei vom Vatikan zum Rücktritt gezwungen worden. Der Chef der Vatikan-Gendarmerie habe ihn eingeschüchtert und zur Unterschrift eines bereits vorbereiteten Briefs gedrängt.
Die Finanzen des Vatikans wurden lange nicht nach modernen Verfahrensweisen geführt. Das soll der Unterschlagung und anderen Finanzvergehen Tür und Tor geöffnet haben. Die Einführung moderner Methoden durch Papst Franziskus stößt in Teilen der Kurie auf Vorbehalte, da dies alteingefahrene Gewohnheiten durcheinanderbringt. Bestimmte Lobbys im Vatikan beobachten mit Unmut Franziskus‘ entschlossenes Engagement für Transparenz bei Ausgaben und im Umgang mit Spendengeldern. Mit der Amtsniederlegung von Milone und Pell drohen die Wirtschaftsreformen des Papstes zu versanden.
Papst Franziskus muss auch seine reformorientierte Linie scharf verteidigen, laut der die örtlichen Bischofskonferenzen künftig mehr Verantwortung tragen sollen. Zuletzt musste er die von ihm eingeführten Neuerungen bei der Übersetzung liturgischer Texte bekräftigen und zugleich kritische Stimmen zu diesen Neuerungen zurechtweisen. Für die Übersetzung liturgischer Texte sind laut dem Papst vor allem die Bischofskonferenzen zuständig und sollen diese von Rom nur noch bestätigen lassen. Dort sollen keine Alternativübersetzungen mehr verfasst werden. Bisher konnte der Vatikan stärker in die Übersetzungen eingreifen.