Schonendere Bauchfelldialyse erscheint machbar 1

Wien (APA) - Mit einer von Wiener Wissenschaftern entwickelten neuen „Reinigungsflüssigkeit“ für die Bauchfelldialyse dürfte bei Patienten m...

Wien (APA) - Mit einer von Wiener Wissenschaftern entwickelten neuen „Reinigungsflüssigkeit“ für die Bauchfelldialyse dürfte bei Patienten mit Nierenversagen eine schonendere „Entgiftung“ möglich sein. Das hat eine klinische Studie der Phase II in acht österreichischen Zentren ergeben. Der Erfinder der Methode, Christoph Aufricht (MedUni Wien/AKH), und sein Team sind dabei, eine Zulassungsstudie zu entwerfen.

„Seit einem Forschungsaufenthalt an der Yale University (USA; Anm.) 1995/1996 beschäftige ich mich mit der Antwort von Zellen auf Stress. Diese Stressantwort ist wichtig für Reparaturmechanismen bei Schädigungen. Könnte man sie verbessern, wäre das eine Möglichkeit für neue therapeutische Interventionen“, sagte Aufricht, Leiter der Klinischen Abteilung für Pädiatrische Nephrologie und Gastroenterologie an der Wiener Universitätsklinik für Kinderheilkunde und Gründer des Start-Up-Biotech-Unternehmens Zytoprotec, gegenüber der APA.

Aufricht als Nierenspezialist beschäftigt sich seit ebenso vielen Jahren mit der sogenannten Bauchfelldialyse (Peritonealdialyse; PD). Patienten mit endgültigem Nierenversagen haben drei Behandlungsoptionen: Nierentransplantation (mit Wartezeiten bis zur Verfügbarkeit eines passenden Spenderorgans), die Hämodialyse (dreimal pro Woche Fahrt ins Dialysezentrum). Dabei werden die sich im Blut ansammelnden Giftstoffe durch entsprechende Geräte („Künstliche Niere“) direkt aus dem Blut gefiltert.

Die dritte Möglichkeit ist die Bauchfelldialyse, die zu Hause durchgeführt werden kann und an sich weniger belastend als die Hämodialyse ist: Ein erwachsener Patient füllt dabei mehrmals am Tag eine Dialyseflüssigkeit über einen Katheter in den Bauchraum (insgesamt um die zehn Liter). Durch die Bauchfellmembran treten Flüssigkeit und Stoffwechselendprodukte durch den osmotischen Druck in die Dialyseflüssigkeit über und werden mit ihr wieder entfernt.

„Bei kleinen Kindern ist die Peritonealdialyse zu 90 Prozent die verwendete Methode. Allerdings werden international nur rund zehn Prozent der Patienten mit Nierenversagen per Peritonealdialyse versorgt“, sagte Aufricht. Weltweit gibt es derzeit rund drei Millionen dialysepflichtige Patienten.

Während die Bauchfelldialyse vom Prinzip her auf jeden Fall weniger belastend als die Hämodialyse ist, existieren aber auch eindeutig Einschränkungen. Der Kinder-Nephrologe: „Die verwendeten Dialyseflüssigkeiten bestehen aus Kochsalzlösung, Laktat als Puffer, einem ‚Hauch‘ von Kalzium und Magnesium und vor allem 1,5 bis vier Prozent Zucker. Das ist das 15- bis 40-fache der physiologischen Konzentration im Blut. Der Zucker führt zur Schädigung der Zellen des Bauchfells. Zellen werden herausgerissen, Entzündungen und Vernarbungen treten auf.“

Das Ergebnis: Mit der Bauchfell-Dialyse ist ein Überleben oft nur zwei bis drei Jahre gewährleistet. In dieser Zeit sollte eine Transplantation erfolgen oder es muss auf die Hämodialyse gewechselt werden. Weniger als ein Viertel der Patienten sind nach zwei Jahren Peritonealdialyse noch stabil mit dieser Methode zu behandeln.

Etwa um 2001 zeigten Aufricht und seine Co-Autoren, dass die Dialyseflüssigkeiten bei der Bauchfelldialyse die Stressantwort der Zellen des Bauchfells reduzieren. Sogenannte Hitzeschockproteine (z. B. HSP-72) werden in einem zu geringen Ausmaß produziert. Das dämpft die Reparaturmechanismen und lässt die Bauchfell-Schäden verstärkt entstehen. Der nächste Gedanke war, ob man das durch eine verbesserte Dialyseflüssigkeit positiv beeinflussen könnte.

„2007 erprobten wir, ob man eventuell zu der Dialyseflüssigkeit Glutamin hinzu geben könnte. Es ist jetzt das Dipeptid Alanyl-Glutamin für unsere Dialyseflüssigkeit PD-protec.“ In einem Liter sind 1,74 Gramm enthalten.

In umfangreichen Studien im Labor zeigte sich, dass das Alanyl-Glutamin die durch herkömmliche Dialyseflüssigkeiten gedämpfte Stressantwort von Zellen wieder aktiviert, sieben von zehn gemessenen, für Reparaturmechanismen wichtige Parametern sind erhöht. Im Tiermodell wurden Belege für einen schützenden Effekt auf das Bauchfell gesammelt - weniger Proteinverlust, weniger geschädigte Zellen, weniger Entzündung und weniger Vernarbung. Hinweise für einen positiven Effekt auf Laborwerte gab es auch aus einer ersten kleinen Studie der Phase I/II mit 20 Patienten.