Der Philosoph in jedem von uns
Berührungsängste mit einem als verstaubt geltenden Fach abbauen und zum Nachdenken anregen: Das will „Die lange Nacht der Philosophie“ am 16. November in Innsbruck.
Von Markus Schramek
Innsbruck –Philosophie? Da berufen sich viele von uns flugs auf das Motto von Sokrates, einem der Denkerstars aus dem antiken Griechenland: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Philosophie (wörtlich „Liebe zur Weisheit“) gilt heute als abgehoben und elitär; zu viel Kopfarbeit, zu wenig praktischer Nutzen, kurzum: schwer verträgliche Kost.
Johanna Bernhardt lächelt ob solcher Attribute. Denn sie ist vom Gegenteil überzeugt. „Philosophische Ideen und Ansätze sind direkt aus dem Leben gegriffen. Sonst wären die antiken Schriften ja längst in Vergessenheit geraten.“
Bernhardt und ihre Kollegenschaft vom Innsbrucker Verein „Treffpunkt Philosophie“ widmen ihre Freizeit dem philosophischen Diskurs. „Das hat nichts mit ,weltfremd‘ zu tun“, betont Bernhardt, die im Brotberuf Projekte zum Thema Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung betreut. „Unsere Mitglieder stammen aus vielen Alters- und Gesellschaftsschichten. Sie haben Jobs oder studieren und stehen mit beiden Beinen im Leben.“
Philosophische Nacht
Von 15 Uhr bis tief in die Nacht erstreckt sich die „Lange Nacht der Philosophie“ am Donnerstag, 16. November, in Innsbruck (an verschiedenen Standorten). Ein Auszug aus dem Programm: Vorträge, Impulstexte, eine Lesung mit jüdischer Musik, Philosophie im Kaffeehaus, Theater, buddhistische Meditation und sogar ein philosophisches „Speed-Dating“ im Minutentakt. Um 22 Uhr beginnt der Ausklang der Veranstaltung im Vereinslokal von „Treffpunkt Philosophie“ in der Müllerstraße 27a.
Im Internet ist das genaue Programm mit Beginnzeiten und Lokalitäten unter www.lange- nachtderphilosophie.at zu finden.
Derzeit herrscht beim Verein Hochbetrieb. Für übermorgen Donnerstag, den von der Unesco ausgerufenen „Welttag der Philosophie“, hat der Klub der Denker ein Großprogramm auf die Beine gestellt. „Die lange Nacht der Philosophie“ lautet der Übertitel der Veranstaltungen (Details am Textende).
Bernhardt hofft, mit dieser abendlich-nächtlichen Aktion ein breites Publikum anzusprechen. „Das Potenzial zum Philosophen steckt nämlich in jedem Menschen“, macht sie Neueinsteigern Mut.
Für Bernhardt ist Philosophie eine Denk- und Lebensschule gleichermaßen. „Sie lehrt uns, unseren Lebensweg, unsere Gewohnheiten und auch den Umgang mit anderen Menschen kritisch zu hinterfragen.“ Wenn man etwas ändern will, dann habe man das selbst in der Hand, lautet ihre Schlussfolgerung. „Muss man Erfolg haben und Karriere machen, egal wie hoch der Preis dafür auch sein mag?“, fragt sie rhetorisch.
Eine gute Gelegenheit zum Nachdenken bietet sich in der Vorweihnachtszeit mit dem alljährlich sich ausbreitenden Konsumrausch. Jetzt ist es Bernhardt, die Sokrates zitiert: „Ich schlendere über den Marktplatz und freue mich über all die Dinge, die ich nicht brauche.“ So weit wie der – ebenfalls altgriechische – Philosoph Diogenes muss man selbst bei kritischer Betrachtung einer Konsumgesellschaft natürlich aber nicht gehen: Der nächtigte bekanntlich in einem Fass.
Bernhardt selbst hält es mit der klassisch-philosophischen Strömung der Stoiker. Das Wort „stoisch“, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, ist von dieser Denkerschule abgeleitet. „Viele von uns suchen ständig nach Fehlern und Mängeln. Besser ist es aber, am Ende eines Tages aufzuzählen, was gut funktioniert hat. Und schon morgen bietet sich die Chance, manches besser zu machen.“
Wer mit offenen Augen durchs Leben geht, dem bleibt die Not anderer nicht verborgen. Und so widmet sich der Verein „Treffpunkt Philosophie“ auch konkreten Hilfsprojekten. Aktuell werden Sachspenden für den weihnachtlichen Gabentisch gesammelt. Geschenkspakete werden dann an bedürftige Menschen verteilt.
„Schon mit kleinen Gesten kann jeder Einzelne viel bewirken“, verdeutlicht Bernhardt. Eine Überzeugung, die philosophisch klingt und trotzdem jeder versteht.