Der Künstler als Bauer, der erntet, was er sät

Elf Jahre nachdem Thomas Feuerstein den RLB-Kunstpreis gewonnen hat, kehrt der Alchemist unter den Künstlern an diesen Ort zurück.

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© thomas feuerstein

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Thomas Feuerstein ist auf der RLB-Kunstbrücke ein Wiederkehrer. Vor elf Jahren hat der gelernte Kunsthistoriker und Philosoph bereits den RLB-Kunstpreis gewonnen, um nun mit Arbeiten aus verschiedenen Werkphasen an diesen Kunstort zurückzukehren. Außer zwei kleinen, unter Glasstürze gestellten Zuckerskulpturen, die Abformungen einer menschlichen Leber bzw. eines Pankreas sind, zeigt der international umtriebige Tiroler auf der Kunstbrücke ausschließlich Zweidimensionales. Kleine Zeichnungen genauso wie großformatige Mischtechniken und allerlei Druckgrafisches. Deren formale Delikatesse und inhaltliche Raffinesse spielend über die eventuelle Erwartungshaltung hinwegtrösten, hier vielleicht biochemische Prozesse in spektakulärer skulpturaler Inszenierung vorgeführt zu bekommen, wie man sie von Feuersteins Ausstellung vor zwei Jahren in der Taxisgalerie in Erinnerung hat.

Denn auch im Zweidimensionalen erweist sich der 49-Jährige als gelehrter Alchemist, der den spannenden Seiltanz wagt, naturwissenschaftliche Erkenntnisse bzw. Prozesse den Gesetzen der Kunst zu unterwerfen. Die prinzipiell so anders funktionieren, hier allerdings eine Symbiose eingehen, deren Spielregeln der Betrachter nur im seltensten Fall wirklich durchschauen wird, um trotzdem zu spüren, worum es dem Künstler geht. Letztlich um die ganz großen Fragen: um Fleisch und Blut, alte und neue Mythen, Philosophien und die naturwissenschaftlichen Grundlagen, auf deren Basis alles Geistige wie Kreatürliche funktioniert.

Thomas Feuersteins Ausstellung auf der RLB-Kunstbrücke hat drei große Kapitel. Beginn ist in der Urzeit, symbolisiert durch große Bilder, deren Basis aus flächig vernetzten Formeln chemischer Elemente besteht, auf denen Planeten aus schwarzen Acrylpatzen surfen. Um den Menschen, konkret um dessen Gehirn und Darm, geht es in Kapitel zwei. Ausgebreitet in der Manier von Buchillustrationen des 19. Jahrhunderts u. a. auf alten anatomischen Ansichten. Dessen Papier in letzter Konsequenz der universelle Treibstoff alles Lebens ist, der auch Feuerstein antreibt, der sich letztlich weniger als Künstler als als Bauer versteht, der erntet, was er sät. Wenn er etwa aus selbstgemachter Kohle den Sitzungssaal des österreichischen Parlaments zeichnet, über dem ein mächtiger Drehzahlregler hängt, womit uns der Künstler wohl sagen will, wie unrettbar wir alle von Algorithmen gesteuert werden.


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